STUTTGART. Eigentlich könnten die Worte des neuen Königs doch ganz versöhnlich und aufmunternd in Hamlets Ohren klingen. Tun sie aber nicht. Der Dänenprinz, gerade von seinem Studium in Wittenberg an den Hof in Helsingör zurückgekehrt, ist angewidert davon, dass sich seine Mutter Gertrud so kurz nach dem Tod ihres Mannes, des Königs, wieder vermählt hat. Ausgerechnet mit Hamlets Onkel Claudius, der jetzt die Königskrone trägt. Dass dieser seinen Bruder, Hamlets Vater, ermordet hat, erschließt sich Hamlet erst später. Es war nicht der Biss einer Schlange, der ihn dahinraffte, offenbart dem Prinzen als Geistererscheinung der Vater.
Das Schauspiel Stuttgart rollt einem der großen Verdrossenen der Weltliteratur in Burkhard C. Kosminskis »Hamlet«-Inszenierung eine mit Rockmusik (verantwortlich: Hans Platzgumer) gesäumte Bühne aus. Ein riesiges weißes Tuch wird eingangs über der Hochzeitsgesellschaft weggezogen. Es herrscht Feierlaune auf der von Florian Etti in erdigen Farben eingerichteten Bühne. Nur Hamlet bläst Trübsal, lässt sich von keinem aufheitern.
Feine Antennen
Kosminski nähert sich Shakespeares Schauspiel mit erkennbarem Respekt. Respekt vor allem vor dem vom englischen Dramatiker dicht gewobenen Psychogramm eines Mannes; einer Gesellschaft auch, die das »Weiter so« propagiert, obwohl da einiges aufzuarbeiten wäre, um unbelastet in die Zukunft zu gehen. Hamlet ist mit feinen Antennen ausgestattet, insbesondere Frauen gegenüber aber nicht sehr einfühlsam. Wobei auch seine Mutter wenig Verständnis und Dialogbereitschaft ihm gegenüber aufbringt. Dass sie es am Ende ist, die einen Becher mit Gift leert, um Hamlet zu schützen (und gleichzeitig Claudius' neuerliches Mordkomplott aufzudecken), ist das Ergebnis einer Entwicklung, die man bei ihr lange Zeit nicht voraussieht. Katharina Hauter legt in diese Rolle anfangs ein erschreckendes Desinteresse an ihrem Sohn. Lästig fast, so scheint es, ist er ihr mit seinem Leiden an der Welt und der von ihm als krisenhaft empfundenen Situation bei Hof.
Franz Pätzold, der ihn spielt, füllt die Titelrolle mit Starrsinn aus. Aber auch mit einer herzergreifenden Eindringlichkeit. Der »Hamlet« mit ihm, das ist großes Schauspieler-Theater. Nicht zuletzt, weil Kosminski auch darüber hinaus kluge Besetzungsentscheidungen getroffen hat und den Schauspielerinnen und Schauspielern, die bisweilen auch in Live-Videoprojektionen auf großer Leinwand zu sehen sind, einen dies ermöglichenden, ja fördernden Rahmen gibt. Da stellt ein Regisseur - und so kennt man Kosminski - nicht sein Ego aus, sondern die Inszenierung in den Dienst einer Sache. Einer gediegenen Klassiker-Pflege, die dennoch nicht altbacken daherkommt. Gerade in der Fokussierung auf die Schauspielerinnen und Schauspieler und das, was sie miteinander aushandeln, entfaltet sich ästhetische Sprengkraft. Die zugleich eine politisch-gesellschaftliche ist.
Echsenhaftes Züngeln
Claudius ist mit Felix Strobel glänzend besetzt. So säuselnd seine Worte mitunter klingen, so durchtrieben wirkt er doch. Weil Strobel ihm ein echsenhaftes Züngeln, entgleisende Gesichtszüge, entlarvende Stimm-Rückungen (wie bei Erich Honecker oder Walter Ulbricht) gibt. Da wird mehrfach gelacht im Saal, werden die Figur und das, wofür sie steht - Machtmissbrauch in einem Überwachungsstaat - jedoch nie völlig zur Farce.
Pauline Großmann als Ophelia, die im Konflikt zwischen Hamlet und dem König aufgerieben wird, ist als Teil dieses großartigen Ensembles zu nennen, das diesen Abend zum theatralen Fest, zum lange nachwirkenden Erlebnis macht. Wie unbeschwert sie zunächst wirkt! Backfisch und zugleich moderne junge Frau, die sich geduldig den Rat ihres Vaters Polonius (stark: Anke Schubert in einer Hosenrolle) anhört, wobei man den Eindruck hat, dass sie am Ende doch ihr eigenes Ding machen wird. Wie empfindsam sie sich im weiteren Verlauf des Stückes zeigt! So sehr, dass sie an Trauer und Schmerz zerbricht.
Welt der Toten und der Geister
Kosminski legt nicht nur den Fokus auf den Hof als Überwachungsstaat, er lässt in den Kostümen von Ute Lindenberg auch die Welt der Toten und der Geister sehr präsent werden. »Die Toten sind nicht tot«, sagt Hamlets Freund Horatio (Felix Jordan) am Ende, »sie warten in den Worten der Lebenden.« (GEA)

