REUTLINGEN. Die Begeisterung für das Pop-Oratorium »Luther« in der Reutlinger Stadthalle war von Anfang an so riesig, dass die Kirchenbezirke Bad Urach-Münsingen und Reutlingen als Veranstalter auch die Generalprobe am Freitag für Publikum geöffnet hatten. Die Aufführung am Samstag unter der Gesamtleitung von Johannes Weller, Bezirkskantor für Popularmusik, war ausverkauft und endete mit Bravorufen und stehenden Ovationen. Weller betonte die großartige Zusammenarbeit der rund 250 Mitwirkenden.
»Wir brauchen Verbindendes, und das Oratorium sorgt dafür, dass Menschen aus den verschiedensten Orten zusammenkommen«, sagte Dekan Michael Karwounopoulos. Schon 2017, als das von Michael Kunze (Text) und Dieter Falk (Musik) verfasste Werk anlässlich der 500-Jahr-Feier der Reformation in Deutschland im ganzen Land uraufgeführt wurde, habe diese zeitgemäße Art, die Basis der evangelischen Kirche zu vermitteln, für Jubel gesorgt.
Sänger aus drei Generationen
Der Chor (Dirigat: Weller) bestand aus 200 Sängerinnen und Sängern aus acht Chören in den Kirchenbezirken, das 30-köpfige Orchester (Leitung: KMD Stefan Lust, Daria Marmaridis) kam aus Münsingen, die siebenköpfige Band (Leitung: Michael Korneck) bestand aus Musikern aus Tübingen, Metzingen oder Laichingen. »Es macht Spaß und ist eine tolle Gemeinschaftsarbeit«, so Blaich. Der Chor habe Mitglieder aus drei Generationen, alle habe die Musik angesprochen. Jede und jeder habe ins Projekt seine reichhaltigen Erfahrungen eingebracht. Blaich gehörte wie Stefan Lust, Daria Marmaridis und Bettina Maier, Bezirkskantorin in Pfullingen und Dirigentin des 15-köpfigen Ensembles, zum Organisationsteam. Besondere Erwähnung fand Schauspielerin und Regisseurin Regina Hintzenstein für ihre wertvollen Ideen zur Umsetzung.
»Wer ist Luther?«, fragt der Eingangschor in einem regelrechten Ohrwum-Hit. Lara (Lena Schiller) hat als Nachbarskind miterlebt, wie der kleine Martin vom Vater (Dominik Swider) geschlagen wurde. Hilflos ausgeliefert, habe er sich jedoch nicht geduckt, sondern rebelliert und das selbstständige Denken verfolgt. Nach Todesangst bei einem Gewitter bricht Luther das Jurastudium ab und wird Mönch.
Luther vor Kaiser Karl V.
Nach diesem Rückblick thematisiert das Oratorium den Reichstag zu Worms, wo sich Luther vor Kaiser Karl V. (Benjamin Geggus) und dem Dominikanerpater Faber (Patrick Maisch) für seine »ketzerischen« Schriften verantworten muss. Es geht um nichts weniger als Leben und Tod. Immer wieder klingt die Melodie »Ein feste Burg ist unser Gott« an.
Die facettenreichen Rollen waren dem überzeugend agierenden Ensemble auf den Leib geschneidert, Fabian Brandt verkörperte Luther in Perfektion. Die Chormitglieder fühlten sich, mit einem Leuchten in den Augen, hervorragend in die Handlung ein.
Mitreißende Chor- und Solostücke
Das Volk, für das der Reichstag ein spannendes Event darstellt, hofft auf Luther als Weltveränderer. Doch diesem geht es nur um die Wahrheit. Als treuer Katholik hat er mit Abscheu den Handel mit Ablässen erlebt, deren Erwerb vor der Hölle schützen soll und Basis für ein ganzes Finanzsystem ist. Schwungvoll und überzeugend wird dies in lebendigen, mitreißenden Chor- und Solostücken, Tanz und Schauspiel vertieft.
Zu dieser äußeren Handlung tritt eine Innere. Luther fürchtet sich vor der Verurteilung, doch noch mehr treibt ihn die Frage um, ob er wirklich auf dem richtigen Weg ist. Von Zweifeln gequält, ist es schließlich Paulus (Matthias Fleck) selbst, der ihm mit seinem Römerbrief den Durchbruch verschafft. Zusammen mit dem Publikum wird der Hit »Sola fide« zelebriert: Allein durch Glauben, Schrift, Gnade und Christus und nicht durch Werke wird der Mensch vor Gott gerecht. Die Schlussszene zeigt den durch Kurfürst Friedrich (Olaf Bansemer) geretteten Reformator auf der Wartburg, wo er die Bibel ins Deutsche übersetzt. Der große Erfolg der Aufführung verbindet sich mit der Hoffnung, etwas Ähnliches mit so vielen Beteiligten der Region möge ein weiteres Mal auf die Bühne kommen. (GEA)

