STUTTGART. Vom Eurovision Song Contest 2013 bleibt die dunkle Erinnerung an einen 21. deutschen Platz mit einem plagiatsverdächtigten Dance-Pop-Song der Gruppe Cascada. Und der verblassende Nachhall des Siegersongs »Only Teardrops« der Dänin Emmelie de Forest. Das Ticket nach Malmö hatte auch der italienische Sänger Marco Mengoni als Gewinner des ehrwürdigen Sanremo-Festivals gelöst. Mit »L'essenziale« (das Wesentliche) erreichte er einen soliden siebten Platz. Während aber alle seine Mitstreiter in der Bedeutungslosigkeit verschwanden, ging die Karriere des Siegers einer Castingshow von 2009 steil nach oben. Zumindest in seinem Heimatland wird er als »König des Pops« gefeiert und in einem Atemzug mit der Ikone Prince genannt.
Der innovative Singer-Songwriter, der am Weihnachtstag 38 Jahre alt wird, hat bislang acht Studioalben veröffentlicht, für die es 85 Mal Platin gab: sechzehn Top-10-, fünf Top-20-Hits, die überdies über 2,9 Milliarden Mal gestreamt wurden. Als Außenstehender verfolgt man verwundert die italophile Community, die den zweifachen MTV-European-Award-Träger als größtes musikalisches Talent ihres Landes und als Superstar vergöttert. Während er hierzulande noch nie einen Song in den Charts platzieren konnte. Nicht einmal seine Ballade »Due Vite« (Zwei Leben), mit der er bei seinem zweiten ESC-Auftritt 2023 den vierten Platz ersang – der in Italien 69 Wochen lang täglich in den Radios gespielt wurde.
Am Freitag hat Mengoni die Alpen überquert und seine ausverkaufte »Negli-Stadi« (in Stadien)-Tournee mit dem Deutschland-Auftakt und Antrittsbesuch in Stuttgart in geschmälertem Format fortgesetzt. Dennoch ein Triumphzug, wie einst bei Hannibal, soweit es die bombastische zweistündige Show in der Schleyerhalle betrifft. Hier, vor fast 7.000 verzückten, fast ausnahmslos italienischstämmigen Schwaben, inszeniert sich der Römer nicht als Karthager, sondern liefert eine komplexe, vielschichtige Pop-Oper ab, inspiriert von der Tradition der antiken griechischen Tragödie.
Stimmen, Bilder und Worte verschmelzen in einer intensiven und tiefgreifenden Dramaturgie – eine Verflechtung eines modernen Song-Repertoires mit einer theatralischen Erzählstruktur. Jedes der zwei Dutzend Lieder aus seiner 16-jährigen Karriere wird Teil einer Handlung, unterteilt in die Akte »Prolog«, »Parodos«, »Epeisodion«, »Stasima«, »Exodus« und »Katharsis«.
Zu Beginn entsteigt Mengoni einer Ruinenlandschaft, einem griechischen Philosophen gleich, der die Höhe sucht, um über den Sinn des Lebens zu reflektieren, begleitet von Gestalten, die tänzerisch und singend die Emotionen dieser Erzählung, dieses Konzerts zum Ausdruck bringen. Mit dem Dreier-Hitpaket »Ti ho voluto bene veramente« (Ich habe dich wirklich geliebt), »Guerriero« (Krieger) und »Sai che« (Das weißt du doch) entfaltet sich die Geschichte.
Trotz wechselnder Hintergründe und Kulissen, ständig neuer Kostüme, von jungen italienischen Designern entworfen, wird der Rhythmus nie unterbrochen. Expressiv legt er seine Gefühlswelt dar – seine Zerbrechlichkeit, seine sexuelle Orientierung, seine Krankheit (Dysmorphophobie), deren Zwangsstörung ihn nicht aufhören lässt, sich hässlich zu finden.
Das Konzert spiegelt seine Erfahrungen, seine Weltsicht wider. »Das Leben ist ein notwendiger Prozess der Dekonstruktion, um neu aufgebaut zu werden, und dasselbe gilt für die Gesellschaft«, sagt er. »Musik ist mein Weg, Bewusstsein zu schaffen.« Seine Poesie bewegt die Zuhörer zutiefst, Plakate mit persönlichen Botschaften werden in die Höhe gestreckt. Er lässt sie vom Kameramann auf die Leinwand projizieren, steigt von der Bühne, lässt sich von Fans umarmen, küssen, fotografieren. »Woher kommst du?« – »Extra aus Neapel hergeflogen!« Mengoni ist gerührt und erweitert spontan die Setlist, er stimmt »O sole mio« an – die Halle singt abertausendfach mit. Beständiges Gänsehaut-Feeling.
Er singt, von einer 15-köpfigen Band mit Tanz- und Chorgruppe begleitet, symbolträchtige Geschichten: von Zusammenbruch und Wiedergeburt, die das persönliche und kollektive Leben prägen. Und er thematisiert die großen (italienischen) Themen des Daseins – Schmerz, Zerbrechlichkeit, Güte, Männlichkeit – bis hin zur endgültigen Läuterung. Mit »Io ti aspetto« (Ich warte auf dich) endet Mengonis Reise. Seine Botschaft ist angekommen: Nach jedem Fall kann man wieder neu anfangen – aber nur gemeinsam. (GEA)










