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Aktuell Lesung

Piepmätze im Angriffsmodus im Reutlinger franz.K

Jens Wawrczeck und Jan-Peter Pflug entführen im franz.K in die gruselige Welt von Daphne du Mauriers »Die Vögel«.

Jens Wawrczeck bei seiner Lesung im franz.K. Reutlingen
Jens Wawrczeck bei seiner Lesung im franz.K. FOTO: STRÖHLE
Jens Wawrczeck bei seiner Lesung im franz.K. FOTO: STRÖHLE

REUTLINGEN. Jens Wawrczeck besitzt eine der bekanntesten Hörspielstimmen, die regelmäßig in deutschen Jugend- und Erwachsenenschlafzimmern erklingen. Als Sprecher in den bis heute produzierten Drei-Fragezeichen-Hörspielen ist er seit über 40 Jahren der jugendliche Detektiv Peter Shaw. Über 50 Millionen Tonträger der Reihe sind im Umlauf, das sind mehr als Herbert Grönemeyer, Peter Maffay und Marius Müller-Westernhagen zusammen verkauft haben.

Doch die berufsjugendliche ist nur die eine Seite von Jens Wawrczeck. Der 58-Jährige – er hat das Schauspielhandwerk unter anderem am Wiener Max-Reinhardt-Seminar und am New Yorker Lee Strasberg Theatre Institute erlernt – ist auch als Synchronsprecher und -regisseur, Dialogbuchautor und Hörbuchinterpret tätig. Seit einigen Jahren bringt er die literarischen Vorlagen der Filme Alfred Hitchcocks in Lesungen auf die Bühne.

Es ist ein kleiner, aber gespannt wartender Kreis von Leuten, die im franz.K »Die Vögel« hören wollen. Die 1952 erschienene fantastische Novelle von Daphne du Maurier verfilmte Hitchcock 1963. Ein Szenen-Zusammenschnitt ist vor Beginn der Lesung auf einer Leinwand zu sehen. Da sind es schon die Klänge, die der Musiker Jan-Peter Pflug auf dem Theremin beisteuert, die die Ohren anspitzen. Ein bisschen surreal Anmutendes, ein bisschen Gruselstimmung, ein bisschen Naturalismus (wobei er das Geflatter der Vögel mit etwas, das wie Papier aussieht, erzeugt und später auch, um die Wellen am Strand hörbar zu machen, eine Bürste gebraucht).

Nie werden Pflug und Wawrczeck an diesem Abend den Bogen überspannen, indem sie den Grusel zu sehr ins Vordergründige holen. Alles wird vielmehr in der Sphäre des unheimlichen Belauerns, des Umkreisens, des Nagens an Gewissheiten bleiben.

Das Radio bleibt stumm

Alle Figuren spricht Wawrczeck selbst, die Männer wie die Frauen, auch die Kinder. Er tut dies mit einer wie selbstverständlichen Virtuosität, mal säuselnd, mal kontrolliert, mal großspurig – nie holzschnittartig. Ganz nah lässt er die Zuhörer beim Protagonisten, dem im Krieg verwundeten Farmarbeiter Nat Hocken, sein.

Wawrczeck hat seiner Lesung vorausgeschickt, dass die Figurenkonstellation bei du Maurier eine andere als bei Hitchcock ist. Hier dreht sich alles um Nat und die Veränderungen, die um ihn herum vorgehen. Die Vögel sammeln sich und entwickeln eine ungekannte Aggressivität gegenüber den Menschen.

Nat beobachtet, dass es einen Zusammenhang mit den Gezeiten gibt. Er tut alles, um sich und seine Lieben zu schützen – und muss gleichzeitig die Ignoranz seiner Mitbürger miterleben. Die Hoffnung, dass Flugzeuge Rettung bringen, zerschlägt sich rasch, auch bleibt das Radio, von dem sich die Familie behördliche Anweisungen für den Katastrophenfall erwartet, irgendwann stumm. Wie es für sie – und überhaupt die Menschen – ausgeht, lassen du Maurier und Wawrczeck offen. Pflugs live gespielter Soundtrack aber lässt nichts Gutes erahnen.

Um die Anspannung zu lösen und den Ruf der Vögel wiederherzustellen, wie er sagt, singt Wawrczeck, von Pflug auf dem Akkordeon begleitet, am Ende ein Lied: »Feed the Birds« aus dem Film »Mary Poppins« von 1964. Liebevoll und zugewandt endet der Abend. Für die Künstler gibt es viel Applaus. (GEA )