TÜBINGEN. »Wir hatten so viele Filmgäste wie wahrscheinlich noch nie«, sagt Lisa Haußmann über die am 5. November zu Ende gegangenen 42. Französischen Filmtage Tübingen Stuttgart. Fast 30 Gäste aus der Branche waren es, die mit dem Publikum - auch in Reutlingen und Rottenburg - ins Gespräch kamen. Für Lisa Haußmann waren es die ersten Französischen Filmtage unter ihrer künstlerischen Leitung. Die gebürtige Tübingerin brachte dafür Expertise in der Kino- und Kulturarbeit Deutschlands und Frankreichs mit, ebenso Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Akteuren aus Filmwirtschaft und Kulturpolitik sowie aus ihrer Arbeit als langjährige Projektleiterin der »SchulKinoWochen Berlin«.
Nun sagt sie: »Nach dem Festival ist vor dem Festival.« Und berichtet von der Auswertung, die für das Team direkt nach dem letzten Festivaltag begonnen hat. Dass in allen Festivalstädten zusammen gut 15.000 Besucherinnen und Besucher gezählt wurden (etwa so viele wie im Vorjahr), darunter rund 2.500 Schülerinnen und Schüler, freut die neue Leiterin. Auch, dass Neues wie das Filmfrühstück - bei freiem Eintritt angeboten, mit Brezeln, Croissants und Kaffee - so gut angenommen wurde. Dabei konnten die Besucherinnen und Besucher an einem Samstag und einem Montag (in den Schulferien) im Tübinger Kino Museum gemeinsam mit den Gästen der diesjährigen Wettbewerbsfilme in den Festivaltag starten. Die Filmschaffenden brachten Filmausschnitte mit und gaben Einblicke in ihren Schaffensprozess. »Ein echtes Highlight« sei das gewesen, sagt Lisa Haußmann und nennt das Filmfrühstück »definitiv ein Format, das wir in die nächste Festivalausgabe mitnehmen werden«. Vom Publikum habe man zurückgespiegelt bekommen, dass es schön gewesen sei, mehr zu den Filmen zu erfahren und dadurch Lust zu bekommen, Filme, die man zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hatte, zu entdecken.
Intensiver Austausch
Die Filmschaffenden wiederum sagten, sie hätten es genossen, dass das Festival ihnen die Möglichkeit gab, in engen Kontakt mit dem Publikum und mit den anderen Filmschaffenden zu kommen. Lisa Haußmann stellt rückblickend fest, dass der Austausch zwischen Filmschaffenden und dem Publikum »intensiv, auch von großer menschlicher Zugewandtheit geprägt« gewesen sei. »Das macht uns besonders froh, denn das ist Kern des Festivalgeschehens.«
Dass die Besucherzahlen in Reutlingen und Rottenburg unter den Erwartungen blieben, gehört zu den Dingen, die sich Haußmann und ihr Team genauer ansehen wollen. Das Festivalangebot war dort ausgebaut worden, die Nachfrage aber wuchs nicht in dem Maße mit, sodass einzelne Filmvorführungen, auch mit Gästen, nur spärlich besucht waren. Lisa Haußmann ordnet das ein, indem sie auf strukturelle und personelle Veränderungen hinweist. »Wir hatten größere Umbrüche, einerseits beim Kino im Waldhorn in Rottenburg, wo es in diesem Jahr einen Kinobetreiberwechsel gab und junge Kinoschaffende das Festival zum ersten Mal mit durchgeführt haben.« Zudem gab es im Filmtage-Team personelle Veränderungen, wodurch sich auch mit dem Reutlinger Kino Kamino »eine neue Zusammenarbeitskonstellation« ergeben habe. Es sei ganz normal, dass sich Dinge erst einmal einspielen müssten. Als Team habe man auf jeden Fall »ganz genau hinschauen können, an welchen Stellen Luft nach oben ist - und das ist es definitiv. Wir wünschen uns mehr Publikum an diesen Orten. Und wir sind der Meinung, das Publikum ist da, wir werden es in Zukunft mit einer intensivierten Kommunikation ansprechen können«, zeigt sich Lisa Haußmann zuversichtlich. Das Tübinger Kino Blaue Brücke, das in diesem Jahr neu dabei war, sei gut angenommen worden, das Tübinger Kino Atelier habe mit die besten Besucherzahlen in der Festivalgeschichte verzeichnen können. Im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk habe sich der Publikumszuspruch »stabil« gezeigt, so die Festivalleiterin.
Arte ist vorgeprescht
Nicht ganz glücklich war, dass der Sender Arte vorpreschte und einen der Festivalfilme, »Ari«, schon gesendet und in seine Mediathek eingestellt hatte, bevor das Festival begann. »Da ist uns Arte in den Rücken gefallen«, sagt Lisa Haußmann. »Wir hatten mit der Programmdirektion gesprochen und das Go bekommen, dass die Ausstrahlung erst nach unserem Festival stattfindet. Daraufhin haben wir entschieden, den Film ins Programm zu nehmen, eine Werkschau zu machen und den Film auch prominent zu platzieren.« Der Sender habe sich später umentschieden, ohne das entsprechend zu kommunizieren. Geschadet, meint Lisa Haußmann im Nachhinein, habe es nicht. Der Publikumszuspruch für den Film sei gut gewesen.
Eines der Anliegen der Festivalleiterin ist es, mit entsprechenden Angeboten ein junges Publikum anzusprechen. Die neue Sektion »CinEnfants« lud, unterstützt vom Deutsch-Französischen Jugendwerk, Kinder und ihre Familien zu Filmvorführungen, Workshops und einem Familiensonntag ein. Einige Kinder seien zum ersten Mal überhaupt im Kino gewesen, andere schauten sich in der Lotte-Reiniger-Ausstellung Tricks ab, um dann unter fachkundiger Anleitung am Tricktisch eigene Trickfilme zu animieren, die am Familiensonntag auf der Kinoleinwand präsentiert wurden. »Da haben wir kleine Perlen gesetzt, die wachsen können«, sagt Lisa Haußmann. Sie wird, bis die nächste heiße Filmtage-Phase beginnt, wieder vermehrt in Berlin sein. Sie arbeitet auch anderweitig als Filmvermittlerin, Kuratorin, Autorin und Moderatorin und engagiert sich ehrenamtlich für die AG Filmvermittlung, einen neu gegründeten Berufsverband für freischaffende Filmvermittlerinnen und -vermittler. (GEA)

