REUTLINGEN/BERLIN. Sie kommt aus dem Remstal, hat als Jugendliche in der Reutlinger Zelle Metal gemacht, später Jazzgesang in Mainz und Composing/Producing an der Mannheimer Popakademie studiert. Seit acht Jahren lebt Mine, die bürgerlich Jasmin Stocker heißt, in Berlin und macht deutschen Pop, der oft lustig und verspielt ist, aber auch Themen wie Tod und Vergänglichkeit nicht scheut. Am 1. August ist sie zu Gast beim Hafensounds-Festival des franz.K im Echaz-Hafen. Dem GEA verrät sie, dass Musik für sie in der Schulzeit ihr Ventil als gemobbte Außenseiterin war.
Ich habe gehört, Sie seien schon in der Reutlinger Zelle aufgetreten ...
Mine: Ja, das stimmt, ich war 17, wir hatten damals eine Rockband, es haben auch noch andere Bands gespielt. Es sind gute Erinnerungen. Gibt’s die Zelle denn noch?
Ja, und immer noch selbstverwaltet. Braucht es solche Clubs für junge Künstler, um sich auszuprobieren?
Mine: Auf jeden Fall! Erfahrung sammeln macht ja den Weg zum Musiker erst aus. Viele denken, dass man mit einem Talent auf die Welt kommt und direkt alles spielen und singen kann, aber so läuft es leider nicht. Man muss üben und Erfahrungen sammeln und viel, viel ausprobieren. Da ist es elementar, Bühnenerfahrung zu sammeln. Auch für mich war es sehr wichtig, dass ich die Möglichkeit hatte, in jungen Jahren in solchen Einrichtungen aufzutreten.
»Ich verarbeite oft Dinge, über die ich nicht gut reden kann, in Musik«
Ihr aktuelles Album heißt »Baum«. Liege ich falsch, wenn ich sage, dass es keinen übermäßig optimistischen Ton anschlägt?
Mine: Naja, ich war jetzt noch nie eine Künstlerin, die Partymusik gemacht hat. Ich bin schon jemand, der eher düstere Dinge in Musik verarbeitet. Prinzipiell bin ich kein negativer Mensch, sondern eine sehr lebensbejahende Person, aber ich verarbeite oft negative Sachen, über die ich nicht gut reden kann, und mache sie zu Musik.
»Die Aggressionen auf der Straße gegen Transpersonen werden immer größer«
Beim Song »Schattig« liegt die Krise schon sprachlich in der Luft. Welche Krise macht ihnen derzeit am meisten Angst?
Mine: Dass die Rechte von Transpersonen in Gefahr sind und eingeschränkt werden, überhaupt von der ganzen queeren Community. Jetzt hat sich ja der Bundestag unter seiner Bundestagspräsidentin Julia Glöckner entschieden, keine Regenbogenfahne zum CSD aufzuhängen; seit über zehn Jahren wurde das gemacht, jetzt zum ersten Mal nicht mehr. Das ist für mich ein Zeichen, dass es in eine Richtung geht, die mir Angst macht. Ich bin in einem sehr queeren Umfeld zu Hause und sehe da auch, dass die Aggressionen auf der Straße und der Hass im Internet immer größer werden.
Galt nicht Berlin immer als tolerant gegenüber der queeren Community?
Mine: Die Stadt ist schon offener. Ich bin auch deshalb hierhergezogen, weil ich diese Freiheit hier sehr sichtbar wahrgenommen und genossen habe. Aber ich merke auch hier in Berlin, dass es mehr Stress gibt gegenüber queeren Personen. Es gibt mehr Gegendemonstrationen, es gibt mehr Gewalt, es gibt mehr Übergriffe und Beleidigungen auf der Straße. Ich bin jetzt acht Jahre in Berlin, und als ich hergezogen bin, war das noch nicht so.
»Beim Thema Tod ist jeder betroffen. Jeder geht einmal von dieser Welt«
Gleich mehrfach taucht das Thema Tod und Vergänglichkeit auf. In »Staub« setzen Sie sich mit dem Tod Ihrer Mutter auseinander. Taugt Pop für diese Themen?
Mine: Auf jeden Fall! Fast alle Personen haben einmal jemanden verloren, und jeder ist davon selbst betroffen, irgendwann gehen wir alle von dieser Welt. Es ist gar nicht mal so, dass ich das als deprimierend empfinde, es ist erstmal eine ganz neutrale Tatsache. Ich finde es total wichtig, dass das entstigmatisiert wird und dass Trauer ein Thema ist, über das man frei sprechen kann, ohne dass alle im Raum zusammenzucken. Deshalb finde ich es sehr gut, wenn das auch in Popmusik stattfindet.
Sie hätten bei diesen Themen zu tragischen Streichern greifen können. Stattdessen hört man oft verspielte Elektrorhythmen.
Mine: Ich mag einfach Vielfalt. Wenn ich ein Album höre, mag ich es, wenn es stilistisch mal aus der einen Ecke kommt, mal aus der anderen. Ich mag auch das Mischen von Genres. Ich persönlich habe oft das Bedürfnis, einen Gegenpol zu setzen, wenn ich viele Songs geschrieben habe, die superdeprimierend sind. Dann brauche ich noch was Leichtes, auch, damit es nicht so anstrengend wird, die Platte zu hören.
»Das, was mich inspiriert für meine Musik, ist das, was ich gerade konsumiere«
Sie haben hörbar eine Vorliebe für kindlich-verspielte Klangeffekte …
Mine: Ja, auf jeden Fall! Ich bin ein großer Fan von elektronischer Musik. Das war früher gar nicht so, aber jetzt höre ich superviel elektronische Musik. Das beeinflusst mich natürlich. Das, was mich inspiriert, ist das, was ich gerade konsumiere. Ich arbeite gerade an der nächsten Platte, und die besteht tatsächlich fast nur aus elektronischen Klängen. Das Schlimmste ist, wenn man sich die ganze Zeit wiederholt, das versuche ich zu vermeiden. Deshalb bin ich immer auf der Suche nach Musik, die ich noch nie gehört habe.
Im Titelsong Ihres aktuellen Albums vergleichen Sie sich mit einem Baum. Was wollen Sie damit ausdrücken?
Mine: Wir Menschen leben alle in einem Zyklus. Wir werden geboren, wir leben, wir sterben. Irgendwie finde ich den Baum als Bild dafür total stark. Und ich finde, er bringt auch so eine Neutralität in Bezug auf das Leben und Sterben mit. Außerdem habe ich vorher zwei Alben gemacht, die hießen »Klebstoff« und »Hinüber«. Für mich war »Baum« der Abschluss, das hat die Trilogie gut zugemacht. Da war erst der Klebstoff – alles bleibt an einem haften. Das verschimmelt dann, geht kaputt, geht »Hinüber«. Daraus wächst wieder Neues.
»Mir wird schnell langweilig. Gleichzeitig interessiere ich mich für so viele Genres«
In einem Intro setzen Sie einen Männerchor ein, in einem Zwischenstück einen Blechbläser-Choral. Ist das Ihr Mittel, sich vom Einerlei abzusetzen?
Mine: Mir wird einfach sehr schnell langweilig. Gleichzeitig interessiere ich mich für so viele Genres. Ich liebe klassische Chormusik! Warum nicht einfach mal probieren, das zu machen? Was das Hornstück betrifft: Ich hatte zum ersten Mal fünf Hornisten im Studio und wollte einfach mal ausprobieren, wie das klingt. Ich hatte erst gar nicht vor, das aufs Album zu nehmen, aber dann hat es so eine schöne Brücke gebaut, da habe ich es auf die Platte gepackt.
Das Video zu Ihrem Song »Ich weiß es nicht« haben Sie in Ihrer alten Schule, dem Remstal-Gymnasium Weinstadt, aufgenommen. Wie hat sich das angefühlt?
Mine: Das war schon sehr emotional! Ich hatte ja über weite Strecken keine so schöne Zeit an der Schule. Seit dem Abi vor 20 Jahren war ich nicht mehr da und war gespannt, wie sich das anfühlt. Tatsächlich waren sogar die Malereien in unserem damaligen Klassenzimmer noch an der Wand, die wir in der siebten Klasse da hingemalt hatten.
»Von der fünften bis zur elften Klasse wurde ich gemobbt und hatte keine Freunde«
Was war Ihr Problem in der Schulzeit?
Mine: Von der fünften bis zur elften Klasse wurde ich gemobbt und hatte keine Freunde. Ich war ein klassisches Mobbingopfer, weil ich anders war als die anderen. Ich war sehr hibbelig, sehr laut, sehr zerstreut; ich hab mich gerne mal mit Klamotten ausprobiert, aber nicht auf so ne coole Art, sondern, na ja, verrückt würde ich fast sagen. Dafür gab es in dem Rahmen, in dem ich aufgewachsen bin, nicht so die Toleranz.
Sie haben diese Probleme für sich produktiv gemacht …
Mine: Ja, gerade in der Teenagerzeit, wo man so starke Gefühle hat, und wenn man da solche negativen Erfahrungen sammelt, ist Musik ein tolles Auffangbecken. Darin habe mich total wiedergefunden. (GEA)
Mine beim Hafensounds-Festival: 1. August, 20 Uhr, Echaz-Hafen Reutlingen

