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Mutter und Tochter in der Stadtbibliothek Reutlingen: Dialog mit der Vergangenheit

Collage der gebürtigen Reutlingerin Katinka Manzau-Feddern auf Basis einer historischen Postkarte.
Collage der gebürtigen Reutlingerin Katinka Manzau-Feddern auf Basis einer historischen Postkarte. Foto: Christoph B. Ströhle
Collage der gebürtigen Reutlingerin Katinka Manzau-Feddern auf Basis einer historischen Postkarte.
Foto: Christoph B. Ströhle

REUTLINGEN. »Aus der Zeit gefallen« heißt ein Buch, erschienen 2020 im Nepa-Verlag, Frauensee, das jetzt zu einer Ausstellung in der Reutlinger Stadtbibliothek geworden ist. Nur dass sich die Texte und Collagen dort auf etwas größer dimensionierten Drucken wiederfinden. Mutter und Tochter bringen jeweils ihr Talent ein. So hat die gebürtige Reutlingerin Katinka Manzau-Feddern (Jahrgang 1970) Postkarten aus vergangenen Tagen zu Collagen verarbeitet, während die zum Zeitpunkt der Bucherscheinung erst 17 Jahre alte Emily Feddern den Kunstwerken mit ihren poetischen Texten eine persönliche Note gibt.

Die Collagen kommen oftmals verspielt daher, die Texte atmen eine wunderbare Klarheit, gedanklich und auch sprachlich. Da ist vom Verlust eines Menschen die Rede; das poetische Ich fühlt sich »fast schneeblind« angesichts der Leere, die es umgibt. Die von Katinka Manzau-Feddern dazu umgestaltete Postkarte zeigt einen grauen blinden Fleck, der sich auf handgeschriebene krakelige Zeilen und auf die Adresse legt. An anderer Stelle macht sich die Dichterin Gedanken darüber, wie lange die Winter gewesen sein müssen, »wenn wochenlang keine Nachricht kam«. Sie formuliert das im Wissen und aus dem Lebensgefühl von heute heraus, dass uns eine Antwort oft innerhalb einer Minute erreicht und wir das selbstverständlich finden. Eine Winterlandschaft gesellt sich zu diesem Text, wobei rosa Seifenblasen sich vor die schneebedeckten Bäume zu schieben scheinen.

Eine historische Ansicht des Tübinger Schlosses vor gerötetem Abendhimmel zeigt Bäume, Menschen und Schnee. Auf das Weiß hat Manzau-Feddern mit verschiedenen Farben und Mustern versehene Dreiecke gelegt, die zusammengefügt ein Spiel von Rauten ergeben. Die Dichterin dreht die Uhr etwas weiter. Wenn der rote Sonnenuntergang der schwarzen Nacht weichen müsse, dann leuchteten »wie bunte Muster« Gedanken auf und seien imstande, das Schwarz beiseite zu schieben, schreibt sie.

Eine Postkarte kommt besonders bedrückend daher. Sie zeigt in Schwarz-Weiß das »Suganertal, des Deutschtums südlichste Grenzfeste«, wie darauf zu lesen ist. Katinka Manzau-Feddern hat Schnipsel mit Worten in Frakturschrift wie »erschrocken«, »Trauer«, »Krieg«, »Feld«, »Fahne« und »Söhne« auf das Foto geklebt. Emily Feddern spricht in ihrem Text dazu ein Du an. Das habe geradestehen wollen vor jedem, »nur nicht vor dir selbst«.

Die Ausstellung ist in der Galerie auf dem Podest in der Reutlinger Stadtbibliothek noch bis zum 20. November zu sehen – Dienstag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 14 Uhr. (GEA)