TÜBINGEN. Das Tübinger Sudhaus ist für sie fast ein Zuhause. Manche nehmen weite Wege auf sich, um dort zusammenzukommen, dabei zu sein, beim TüFolk-Festival. »Wenn Festival ist, dann kommen die alten treuen Seelen wieder her«, sagt Sonja Günther. Sie gehört zum vierköpfigen Vorstand des Vereins Klangfolk, und der Verein ist es, der all die Menschen nach Tübingen bringt, auf eine Bühne.
Klangfolk ist zuvorderst eine Community, die seit mehr als zehn Jahren musikalische Begegnungen ermöglicht, von Menschen aus aller Welt, die sprechen, singen, in vielen Sprachen, ganz niederschwellig und voraussetzungslos und vor allem: zumeist abseits der Bühne. Wöchentlich organisiert der Verein Workshops, an denen ausgebildete Musiker ebenso teilnehmen können wie Menschen ohne jede Vorkenntnis. »Die Idee unseres Projektes ist, Lieder und Melodien aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam zu lernen, gemeinsam zu arrangieren und zu präsentieren, für ein Publikum zu spielen« – so sagt es Maia Mirziashvili in ihrer Eröffnung des Abends. Und immer wieder gibt es dann ein Festival, bei dem nur jene ins Rampenlicht treten, die dies auch möchten. Sehr starke Spieler und solche, die mit geringerer Sicherheit agieren, sind dennoch dabei, auch beim großen Festival: Klangfolk ist ein Klangkörper, der alle trägt, emporhebt, in dem unzählige Instrumente aus vielen Ländern und Kulturen zu einem Ganzen werden, in dem viele Schichten glänzen und eine sehr große gemeinsame Spielfreude strahlt.
Session im Foyer
Beim Konzert im Sudhaus am Sonntagabend stehen mehr als 70 Musikerinnen und Musiker auf der Bühne. Viele von ihnen nahmen in früheren Jahren an Workshops teil, zogen weiter, in andere Städte oder Länder, kehren nun zurück, um noch einmal mitzuspielen. Am ersten Abend des Festivals, im Theatersaal des Sudhauses, gab es ein »Coming together«. Das Konzert schließlich, am letzten Tag, wird mit Beiträgen kleinerer Musikgruppen aus dem Orchester enden, und mit einer Session im Foyer des Sudhauses.
Zuerst aber spielen alle, fast zwei Stunden lang, gemeinsam. Die große Zahl der Menschen auf der Bühne wird dirigiert von mehreren Projektleitern, die in der ersten Reihe agieren, ihre Sektion des Orchesters in den großen Gesamtklang integrieren. Im Orchester selbst sieht man junge Menschen, alte Menschen, selbst Kinder, man sieht viele Hautfarben, sieht traditionelle Kleider vieler Kulturen, sieht unbekannte Instrumente. Das TüFolk Orchester verfügt über eine große Streichergruppe, deren Klang aufsteigt hinter der Percussion, den Melodien und die dem Orchesterklang Tiefe, Kraft und eine sehr professionelle Anmutung gibt. Viele Solisten treten hervor – hohe und tiefe Stimmen, Gitarre, Geige, Klarinette.
Herausforderung für Tänzer
»Lo Sivano« heißt das erste Stück des Abends, ein kurdisches Lied aus dem Norden Syriens. Es erzählt von einem Mädchen, das sich um seinen Geliebten sorgt, der als Hirte in die Berge gegangen und dort vielleicht in Gefahr ist – denn in den Bergen geht auch der Wolf um. Sie bittet ihn, seine Flöte so laut und kraftvoll zu spielen, wie er kann, sodass sie ihn hört und weiß, dass er noch lebt. Mit einem kleinen Tanz der akustischen Gitarre beginnt das Stück, dann gleitet der Gesang, die Melodie auf einem leisen, eindringlichen Rhythmus heran, und das Orchester blüht auf. Lieder aus Brasilien, aus dem Süden Italiens, aus dem Libanon, der Türkei, aus Wales werden folgen, aus Kanada, dem Kongo, Indien, und der große Saal des Sudhauses füllt sich mit der großen Emotion, die Musik aus aller Welt vermittelt. Und selbst ein Stück aus Deutschland findet sich im Programm des Abends – es stammt nicht aus Baden-Württemberg, sondern aus Bayern, und es ist eine Herausforderung für Tänzer: Der Zwiefache ist ein schneller Tanz, der ständig wechselt zwischen einem Vierer- und einem Dreiertakt. Im Sudhaus freilich gibt es Tänzerinnen, Tänzer, die versuchen sich darin. (GEA)

