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Aktuell Geistliche Musik

Musikalisch aufrüttelnde Totenklage

TÜBINGEN.Es gibt einiges, was die »Messa da Requiem« des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi (1813–1901) zu einer der herausragenden Vertonungen des liturgischen Textes macht: mächtige Tutti, erhabene Solopartien, kontrastierende A-cappella-Passagen und eine Musik, die sich von Opernhaftem ebenso speist wie von barock anmutendem Kontrapunkt. Einfachheit allerdings gehört wohl kaum dazu, selbst wenn sich dieses so erhabene Werk aus nichts weiter als einem zarten Motiv in den Celli erhebt.

Als eben jenes Motiv am Sonntagabend in der Tübinger Stiftskirche erklang, waren die Plätze dort restlos besetzt. Ein erwartungsvolles Publikum konnte beobachten wie Kantor Ingo Bredenbach den Bach-Chor und die Camarata Viva Tübingen durch eines der geistlichen Schlüsselwerke italienischer Romantik führte.

Klanglich und in der Lautstärke perfekt abgestimmt mischten sich Chor und Orchester über weite Teile des Requiems zu einer musikalisch hochwertigen Symbiose. Erbebte in einem Moment noch der Raum angesichts eines dramatischen, musikalischen Höhepunktes, so zog sich die Musik auch ungeahnt schnell in fast verschwindende Streicher- und Paukentremoli zurück.

Diese extremen dynamischen Abstufungen stellten allerdings weder für Chor noch für Orchester eine Herausforderung dar. Ein schemenhaftes, aus dem leisen Klang des Orchesters erwachsendes »Requiem aeternam« war genauso stimmig wie die kraftvolle »Dies irae«-Sequenz. Ungeachtet der gelungenen Rezeption, verdankt vor allem diese Sequenz ihre Nachdrücklichkeit dem kompositorischen Geschick Verdis: Auf das kommende Weltgericht verweisend entsteht ein musikalisches Aufrütteln, ein drohender Gestus einem Erdbeben gleich, dem man sich als Zuhörer nur schwer entziehen kann. Unterstützt durch den Nachhall des Kirchengebäudes entstand eine insgesamt mitreißende Wirkung.

Gemeisterte Gratwanderung

Zwar schlich sich in einzelnen Stimmgruppen bei der Schlussfuge ein wenig klanglicher Individualismus ein, doch war das Meistern der Gratwanderung zwischen nötiger Klangproduktion und artikulierter Aussprache insgesamt ein Hochgenuss. Dieser wurde durch die vier Solisten noch verstärkt, die der Komponist dem Chor musikalisch gegenüberstellt. Einzeln, alle gemeinsam oder in verschiedenen Zusammensetzungen komplettierten sie das Werk.

Mit ihrer klaren Sopranstimme brillierte besonders Lydia Catherine Ackermann in den hohen Lagen, ohne dass auch nur eine Spur von Härte in ihrer Stimme zu hören gewesen wäre. Die Solisten Anna Haase (Mezzosopran), Thomas Volle (Tenor) und Markus Lemke (Bass-Bariton) werteten mit ihren sehr unterschiedlichen Stimmen und Klangfarben das Konzert ebenfalls zu einer erstklassigen Rezeption auf.

Auch wenn die im Programmheft abgedruckte Werkeinführung das Requiem aus dem Kontext des Kirchenjahres zu recht herauslösen wollte – einen geeigneteren Schlusspunkt desselben konnte man sich kaum vorstellen. (GEA)