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Musik gemeinsam erleben

Wie die Württembergische Philharmonie Reutlingen auf die Zielgruppe Familie zugeht

Kinder des »Bühne frei!«-Projekts
Beim während des Kultur-Lockdowns im März 2021 aus der Stadthalle gestreamten »Konzert der Hoffnung« mit Reutlinger Kulturschaffenden waren auch Kinder des »Bühne frei!«-Projekts beteiligt. FOTO: REINER PFISTERER
Beim während des Kultur-Lockdowns im März 2021 aus der Stadthalle gestreamten »Konzert der Hoffnung« mit Reutlinger Kulturschaffenden waren auch Kinder des »Bühne frei!«-Projekts beteiligt. FOTO: REINER PFISTERER

REUTLINGEN. »Einer für alle, alle für einen!« – so lautet das Motto beim nächsten Familienkonzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen (WPR) am 29. Mai. Die Devise lasse sich gut auf ein Sinfonieorchester übertragen, sagt Oliver Hauser, der die »Erlebniswelt Orchester«, wie die Musikvermittlung bei der Philharmonie neuerdings heißt, maßgeblich mit organisiert. Der »Konzertcheck« mit Tobi Krell (aus dem Fernsehen bekannt als Checker Tobi) gehört zu den bei Familien besonders beliebten Formaten der WPR. Eine ausverkaufte Reutlinger Stadthalle ist da schon Standard.

Als »Konzert für Menschen ab 6« ist der Nachmittag angekündigt, der als Format beinhaltet, dass Moderator Tobias Krell – der hier ein Fragender ist – nach grundlegenden Antworten die Musik und den Konzertbetrieb betreffend sucht. »Warum ist jeder Einzelne so wichtig?« und »Was passiert, wenn einer nicht für alle da ist?« gehören als Fragen dazu. Dass Tobi, wie die Kinder und Jugendlichen ihn nennen, auch Dinge fragt, die die Erwachsenen sich vielleicht nicht zu fragen trauen, weil sie meinen, dass man das ja eigentlich wissen müsste, macht einen wesentlichen Reiz der Veranstaltung auch für die älteren Familienmitglieder im Saal aus. Im kommenden Jahr – am 7. Mai in Reutlingen und tags zuvor in Weikersheim – soll es einen weiteren Konzertcheck geben, dann unter einem anderen Motto.

Dass Kinder- und Jugendprogramme angeboten werden, sei bei der Württembergischen Philharmonie eine »uralte Tradition«, sagt Stefanie Eberhardt. Nicht lange nach Gründung des Orchesters vor 77 Jahren habe das eingesetzt, hat die Orchester-Dramaturgin recherchiert. »Unser Dauerbrenner ›Schüler im Studio‹, der mit ein bis zwei Vorstellungen Familienkonzert gekoppelt ist, fing vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten an.« Der Dirigent Erke Duit und der Autor und Moderator Marko Simsa haben sich um diese von über 8 000 Kindern und Jugendlichen jährlich besuchte Reihe verdient gemacht. Zuletzt gab es ein Sonderkonzert für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche unter Mitwirkung von zwei Gebärdendolmetscherinnen und einer Deaf-Performerin, die Vibrationen und visuelle Eindrücke in Bewegung übersetzte.

»Diese sich visueller Mittel bedienenden Kommunikationsmöglichkeiten zu sehen, war auch für uns ein Erlebnis«, sagt Stefanie Eberhardt. Der inklusive Ansatz soll künftig auch bei den Familienkonzerten verfolgt werden – das gemeinsame Musik-Erleben von Schülerinnen und Schülern im Kreis ihrer Familien wird so gefördert, Schwellen für Interessierte auch mit Handicap werden abgebaut.

Familienfreundlich kommt auch die Nachmittagsvorstellung des beliebten, vom Haupt- und Landgestüt Marbach gemeinsam mit dem Reutlinger General-Anzeiger und der Württembergischen Philharmonie veranstalteten Formats »Marbach Classics« am 25. Juni daher. Bereits um 16 Uhr können Groß und Klein sich da das – leicht verkürzte – Zusammenspiel von live gespielter Musik und Pferde-Show anhören und ansehen. Die übrigen Vorstellungen am 24. und 25. Juni sind um 20.30 Uhr.

Was als Modellprojekt mit Schulklassen begann, das interaktive Livestream-Projekt »Netz-Werk-Orchester« – die WPR wurde dafür von der Deutschen Orchester-Stiftung mit dem Preis »Innovatives Orchester 2019« ausgezeichnet –, ist ebenfalls ein Projekt für die ganze Familie. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, streamt das Orchester seine Musik, eingebettet in eine abwechslungsreiche moderierte Spielshow, in Dörfer und kleine Städte.

Die Kommunen als Kooperationspartner organisieren gemeinsam mit dem WPR-Musikvermittler den Livestream in einen Saal im Ort und stellen zwei Mannschaften aus der Bevölkerung zusammen, die dort in Spielen gegeneinander antreten. Zuletzt waren das Teams aus der badischen Gemeinde Wollbach. Honoratioren spielten gegen die Musikvereinsjugend – wobei letztere gewann. Die Verantwortlichen bei der Philharmonie sind überzeugt: Es ist ein Konzept, das nicht zuletzt den Zusammenhalt in den Kommunen stärkt.

Biberach ist als nächste Stadt im Herbst dabei, mit dem örtlichen Knabenchor, der gegen ein Gymnasium antritt. Im Landkreis Reutlingen hat das »Netz-Werk-Orchester« seine Erfolgsgeschichte begonnen. Inzwischen liegen auch Anfragen aus Isny oder Weissach vor.

Mitten im Orchester

Wenn die Philharmonie am 2. Juli zusammen mit jungen Künstlerinnen und Künstlern des TALK-Projekts auf der Open-Air-Bühne im Reutlinger Echaz-Hafen auftritt, heißt das Motto »Hip-Hop x Klassik«. Als »so nie dagewesene Kooperation, die Grenzen überwindet und Unterschiede zelebriert« ist die Veranstaltung angekündigt. Schnupperkontakte zwischen den Profis der WPR und Jugendlichen mit und ohne Diskriminierungserfahrung, die unter Anleitung professioneller Coaches ihre eigenen Rap-Songs und Tanzchoreografien entwickeln, haben bereits stattgefunden. Fünf dieser Songs will man nun gemeinsam auf die Bühne bringen. Neben Freunden und einer interessierten Öffentlichkeit werden sich sicher auch stolze Familienangehörige die Show nicht entgehen lassen.

Oliver Hauser hat zum Thema Familie eine schöne Geschichte parat, die zwei andere Formate, die das Orchester ins Leben gerufen hat, betrifft: »Mittendrin« und »Mein erstes Mal«. Bei »Mittendrin« öffnet die Philharmonie für eine Orchesterprobe die Studio-Türen. Interessierte können sich mitten ins Orchester setzen und die Dirigentin oder den Dirigenten aus der Perspektive der Musikerinnen und Musiker erleben, während sie bis über beide Ohren in den Klang eintauchen.

Kinder auf der Bühne

Bei »Mein erstes Mal« gibt Oliver Hauser eine Gebrauchsanweisung für Neueinsteiger. Wer Scheu hat, alleine ins Konzert zu gehen, weil ihm, was dort geschieht, wie Böhmische Dörfer vorkommt, kann hier seine Fragen loswerden und mit anderen, denen es ähnlich ergeht, zusammen ein Sinfoniekonzert besuchen. Für dieses Format hatte eine Frau ihre Söhne und Schwiegertöchter angemeldet. Das Geschenk von ihr nahmen diese trotz einiger Skepsis an. Offenbar habe es ihnen dann doch so gut gefallen, dass sie bei »Mittendrin«, nur wenige Wochen später, gleich wieder dabei waren, sagt Oliver Hauser.

Im vergangenen Jahr, beim aus der Reutlinger Stadthalle gestreamten »Konzert der Hoffnung« inmitten des Kultur-Lockdowns, traten auch Kinder des Projekts »Bühne frei!« auf, das in Zusammenarbeit mit Caritas, Diakonieverband und Citykirche Reutlingen entstand, gefördert durch »Zur Bühne«, das Förderprogramm des Deutschen Bühnenvereins im Rahmen von »Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung«. Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die hier an einem musiktheatralischen Format mitwirkten – auch das ein Angebot für die junge Generation und für Familien.

Genau wie der »Entdeckerabend« im Vorfeld der Uraufführung des »Recycling Concerto« von Gregor Mayrhofer mit Perkussionistin Vivi Vassileva unter Leitung von Alexander Liebreich im Februar. Jugendliche der Musikschule Reutlingen hatten dafür Instrumente aus wiederverwertbaren Materialien gebaut und spielten ein von Mayrhofer für sie komponiertes Stück. In nächster Zeit sind weitere Projekte mit Schulen geplant, darunter ein zweitägiger Orchester-Workshop mit Schülerinnen und Schülern des Isolde-Kurz-Gymnasiums.

Der Anspruch der Württembergischen Philharmonie ist es laut Stefanie Eberhardt, bei allem, was sie tut, Familie mitzudenken. Es gehe nicht in erster Linie darum, Musik zu »vermitteln«, sondern »Plattformen für Begegnungen« von Menschen mit und in der Musik zu schaffen. Auch einen der in früheren Jahren so beliebten Tage der offenen Tür im Studio der Philharmonie wolle man wieder anbieten. Da sollen dann Kinder auch wieder die Möglichkeit bekommen, probeweise einmal selbst ein Sinfonieorchester zu dirigieren. (GEA)

TICKETINFO

Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren haben bei Matineen freien Eintritt, ist dem Spielzeitheft der Württembergischen Philharmonie zu entnehmen. Dort sind weitere Vergünstigungen aufgeführt. Für ihr Familienkonzert etwa bot das Orchester in dieser Saison eine Familienkarte für fünf Familienmitglieder zum Preis von 40 Euro an. (GEA) www.wuerttembergische- philharmonie.de