Aufhören, wenn's am schönsten ist, schien die Devise zu lauten, auch dramaturgisch: Das offene Ende führte vor Augen, wie aus Musik als Mittel zum Zweck – ein bestimmtes Mädchen zu beeindrucken in diesem Fall, von dem nicht klar ist, ob es überhaupt im Publikum sitzt – ein Glück spendender Befreiungsschlag für jeden Einzelnen und eine Gruppe werden kann.
Missgunst und Zusammenhalt
Bahattin Güngör, Seyyah Inal, Anne-Kathrin Killguss, Thomas B. Hoffmann, Cornelius Hoffmann-Kuhnt, Dominik Lohmüller, Santiago Österle, Antje Rapp, Jochen Rominger, Franziska Schiller, Michael Schneider, Chrysi Taoussanis, Bernd Wegener, Gabriele Wermeling und Stephan Wiedwald heißen die Schauspieler, die in der Regie von Tonne-Intendant Enrico Urbanek die Höhen und Tiefen einer Wohngruppe durchleben. Einer Wohngruppe, die Neid und Missgunst ebenso kennt wie – wenn es wirklich darauf ankommt – den Zusammenhalt. Ein gigantischer Kühlschrank steht sinnbildlich für das, was schiefläuft in der WG. Weil ständig die Lieblingsspeisen einzelner Mitbewohner verschwinden, wird er – mit Kette und Vorhängeschloss – fast so gut gesichert wie Fort Knox.Wie schaue ich nach mir? Wie gefalle ich anderen, ohne vorschnell preiszugeben, wie verletzlich ich bin? Diese Fragen beschäftigen mehr oder weniger alle in der WG. Moritz (Seyyah Inal), der sich beim Chatten verliebt hat, hat schon einmal eine Beziehung mit Zweifeln und Eifersucht kaputt gemacht. Soll er seiner Angebeteten, die auch ihn mag, sagen, dass er im Rollstuhl sitzt? Tief enttäuscht muss Moritz feststellen, dass seine Mitbewohner sein Vertrauen missbraucht und unter seinem Namen heimlich mit ihr gechattet haben. Jetzt erwartet sie, ihn als Teil einer angeblichen Rockband bei einem Konzert zu sehen.
Joe (Chrysi Taoussanis), die sich als Sozialarbeiterin im Kümmern um die Wohngruppe aufreibt, redet Moritz' Mitbewohnern ins Gewissen. Mit dem Ergebnis, dass diese ihm behilflich sind, eine Ad-hoc-Band zu gründen, und ihre Ersparnisse dafür lockermachen, um Musikprofis zu engagieren, die sie coachen.
Für Speicher, Leupelt und Katsche (Thomas B. Hoffmann, Michael Schneider und Bernd Wegener), deren Band schon bessere Zeiten gesehen hat, ist das die Gelegenheit, die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Was sich im Zusammenspiel von Wohngruppe und Band ergibt, kann man als kleines Wunder, als Magie des Augenblicks bezeichnen. Die alten und jungen Musiker und Tänzer überwinden ihr Klein-Klein des Alltags, finden zu Gemeinsamkeit und einer jeweils ganz eigenen musikalischen Sprache. Santiago Österle, der Sam spielt, ist als Rapper hervorzuheben, »Moritz« Seyyah Inal mit seinem zu Herzen gehenden Sprechgesang (»Mich hat die Liebe voll erwischt«).
Spaciges, Funkiges und Klänge aus Tausendundeinernacht machen den Abend zum Erlebnis. Dass das Theaterhafte am Ende zurücktritt, ist in Ordnung. Echt sind diese Momente, und die Musik reißt mit. Alle auf und hinter der Bühne, egal wie klein oder groß ihre Rolle ist, haben ihren Anteil daran und machen aus »Irre ist menschlich« ein Fest der Lebensfreude. (GEA)
