BURLADINGEN-MELCHINGEN. Erst wirken sie wie ganz normale Menschen. Ein wenig weniger Farbe haben sie als andere, das fällt auf, und seltsam uniforme, glatte Kopfbedeckungen tragen sie. Und unablässig saugen sie mit heimlicher Gier an ungewöhnlich langen Zigaretten. Die Herren in Grau gehen leicht gebückt, sie treten gern in Gruppe auf, sie trippeln von hier nach dort. Und sie suchen sich irgendeinen Menschen aus, einen Bürger der Stadt, wenn er alleine ist, und überzeugen ihn davon, dass er Zeit sparen muss, Zeit einzahlen muss, in ihre Konten, dass er wertvolle Zeit vergeudet, wenn er schläft, wenn er isst, wenn er nichts tut, und, am allerschlimmsten: wenn er sie mit anderen teilt.
Michael Endes Kinderbuchklassiker »Momo« erschien vor 52 Jahren. Noch immer hat er Kindern und Erwachsenen sehr viel zu sagen. Die grauen Herren scheinen längst gesiegt zu haben, im Jahr 2025 – keiner hört mehr zu, jeder hält ein Smartphone in der Hand. Gigi, der Fremdenführer, ein bester Freund Momos, wird heute zum Influencer. Und die grauen Herren, die eben noch an den Rändern umherschlichen, sind plötzlich überall, treiben die Menschen auseinander, sorgen dafür, dass keiner mehr mit dem anderen spricht, saugen gierig an den Zigaretten, die in Wirklichkeit nichts anderes sind als die gestohlene, getrocknete, tote Zeit der Menschen.
Bunt und in Bewegung
Christoph Biermeier hat Vita Hubers Theaterfassung von »Momo« mit schwungvoller Leichtigkeit in Szene gesetzt. Alles ist in Bewegung bei diesem Stück, alles fließt, die Figuren tanzen, schreiten über die Bühne hin, die sich unentwegt dreht. Darüber hinaus bleibt die Szene, gestaltet von Gesine Mahr, überaus schlicht, besteht nur aus einer Drehscheibe, gefärbt wie eine Dartscheibe ins Schwarz und Weiß der Tage und Nächte, eingefasst von einer schmalen Treppe, unter der sich Momo hin und wieder versteckt und die Grauen belauscht.
Hannah Im Hof ist diese strahlende Momo, die umhergeht zwischen den Menschen, ihnen zuhört, sie ernst nimmt, sie zu Freunden gewinnt. Katharina Müller hat die bescheidene Heldin bunt gekleidet, in ein pflanzengrünes Kleid mit rotem Mantel, hat allen anderen Spielern Kostüme von leuchtender Farbenpracht gegeben, nur den Grauen nicht, denn die sind fahl, selbst ihre Ringelsocken sind Schwarzweiß – wie die Kinder der Stadt, in der Momo lebt, als die Zeitdiebe von der Zeitsparkasse dann die Macht über die Wirklichkeit an sich gerissen haben. Sie gehen nicht mehr in einen Kindergarten, sie kommen ins Kinderdepot. Alles, was nicht effizient ist, keinen Profit abwirft, wird abgeschafft. Die Metapher ist so treffend, dass man beginnt, sich zu fürchten, vor dem Tag in naher Zukunft, an dem Michael Endes Buch verboten wird.
Die Puppe des Schreckens
Luca Zahn ist der stets herzlich beredte Fremdenführer Gigi, und Stefan Hallmayer ist Beppo, der Straßenkehrer, der Momo erklärt, wie man eine Straße richtig kehrt – nicht, indem man sich die lange Straße betrachtet und die Hoffnung verliert, sondern Stück für Stück, um zuletzt vor einer sauberen Straße zu stehen – so, wie man auch leben soll: einen Augenblick nach dem anderen, und glücklich. Johanna Grässle schnippelt als Friseur Fusi fröhlich vor sich hin, Berthold Biesinger ist sensationell gesellig als Gastwirt Nino, Carola Schwelien ist seine Frau Liliana, Linda Schlepps ist Nicola, der Maurer. Viele Darsteller sind in mehreren Rollen zu sehen – Carola Schwelien auch als Bibigirl, die Puppe, die unersättlich mit piepsiger Stimme immer neue Kleider fordert, ein schriller, komischer, erschreckender Auftritt des seelenlosen Konsumterrors.
Alle treten sie auf in fantastischen, verspielten Kostümen und sind zugleich auch die Wartenden, die Kinder, die grauen Herren – Kirandeep Heer kommt hier als neues Gesicht hinzu. Linda Schlepps verwandelt sich in Kassiopeia, die Schildkröte, die Momo clever zu Meister Hora führt, dem Herrn der Zeit. Hora ist die einzige Rolle, die Franz Xaver Ott innehat – er ist es, der im Stück von Anfang an am Rad der Zeit dreht, an der Scheibe, auf der sie alle stehen. Zwischendurch wird »Momo« auch ein wenig zu einem Stück der schaffigen Schwaben gemacht – »Die Zeita ändern sich eba«, ruft der Gastwirt, der plötzlich keine Zeit mehr hat. »Aber alle machen's doch heute so. Warum soll ich alloi es andersch macha?« Julia Klomfaß‘ Musik kann heiter, leicht, skurril sein, kann aber, in solch einem Moment, auch traurig klingen.
Das Ende einer Partnerschaft
»Momo« erlebte seine Premiere eine Woche vor der Melchinger Aufführung in Bietigheim-Bissingen. Mit dieser und mit anderen Städten verbindet das Theater Lindenhof seit vielen Jahren eine Partnerschaft, die immer wieder Bühnenproduktionen ermöglichte. Am Tag der Melchinger Premiere erhielt das Theater, wie Christian Burmeister-van Dülmen als kaufmännischer Leiter nach der Vorstellung bekannt gibt, ein Schreiben, mit dem die Stadt Reutlingen aufgrund der aktuellen Haushaltslage ihre Partnerschaft aufkündigte. Gerade noch gelang es auf der Bühne Momo, mit einer letzten verbliebenen Zeitblume, die Geschichte zu ändern und den Menschen ihre Zeit zurückzugeben. So schlicht, poetisch und schön werden sich die Probleme der nahen Zukunft kaum auflösen lassen. (GEA)

