Logo
Aktuell Bühne

Mit Lautkarten auf der Alb unterwegs: »Tropfen im Meer« am Theater Lindenhof

Mit Fantastik und Philosophie gegen Denkschablonen: Susanne Hinkelbeins »Tropfen im Meer« am Theater Lindenhof sind skurril-poetische 80 Minuten.

Susanne Hinkelbein und Berthold Biesinger in der Produktion »Tropfen im Meer« am Theater Lindenhof.
Susanne Hinkelbein und Berthold Biesinger in der Produktion »Tropfen im Meer« am Theater Lindenhof. Foto: Simone Haug
Susanne Hinkelbein und Berthold Biesinger in der Produktion »Tropfen im Meer« am Theater Lindenhof.
Foto: Simone Haug

BURLADINGEN-MELCHINGEN. Es ist Zeit für die ganz großen Fragen. Wann hat alles angefangen - die Welt? »Es hat knallt. Und dann war alles da«, schreibt Susanne Hinkelbein in ihrem unlängst im Gmeiner Verlag erschienenen Buch »Was weiß der Tropfen im Meer von sich selbst?«. Sie legt diese Sätze in schwäbischer Mundart Kindern - Anna und Lisa - in den Mund, mitsamt einer Denkschablonen beiseite schiebenden kindlichen Logik. Denn unabhängig, ob es die Logik schon vor dem Urknall gab, könne sie selbst, Anna, schon vor diesem Ereignis dagewesen sein, meint Anna. Ihre mit Eifer präsentierte Beweiskette schließt sie, indem sie ihrer Schwester und der Welt trotzig die Zunge herausstreckt.

Das Theater Lindenhof in Melchingen hat einige der Texte aus Hinkelbeins Buch jetzt als Bühnenprogramm herausgebracht. Mit Susanne Hinkelbein und Berthold Biesinger als Geschwistergespann Anna und Lisa, die aus ihrem Kinderzimmer heraus die Welt analysieren. Mit einem Elternteil als zwischendurch per Zuruf befragte Instanz - wobei Hinkelbein und Biesinger die Worte der Mutter chorisch sprechen. Um sie dann konträr zueinander auszulegen.

Monologe, die an Polt oder Keuler erinnern

Die Anna-und-Lisa-Dialoge - etwa über den Dreisatz »Glaube, Lüge, Hoffnung« - sind aber nur ein Teil der von Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer eingerichteten Szenenfolge. »Tropfen im Meer. Eine phantastisch-philosophische Reise von Susanne Hinkelbein« hat auch Monologe zu bieten, die an Gerhard Polt, Emil Steinberger oder Uli Keuler erinnern. Nicht unbedingt aufgrund ihres Stils, aber durch die Art, wie in ihnen die Welt reflektiert wird.

Da ist zum Beispiel die direkt ans Publikum gerichtete Selbstauskunft, die mit den Worten »Ich bin nicht gleichgültig« beginnt. Biesinger trägt den Text, der im Buch »Trägheit des Herzens« heißt, vor. Minutiös schildernd, wie eine »Oma mit Rollator« an einer Rampe in Schräglage gerät, zu Fall kommt und sich nicht zu helfen weiß. Der Erzähler kommentiert das rückblickend mit den Worten: »Ich hab' richtig mitgelitten.« Zugleich wird in seinem Bericht aber deutlich, dass er, der von sich selbst sagt, dass ihm »alles immer furchtbar unter die Haut geht«, sich in Erwartung des Missgeschicks auf eine Bank setzt, von der aus er das Geschehen, ohne den Hals verdrehen zu müssen, gut beobachten kann. Er weiß in jedem Moment, was zu tun wäre oder was die Oma in dieser Situation unmöglich schaffen kann. Er ist aber so sehr mit Zusehen und seiner Klage über die Grausamkeit der Welt beschäftigt, dass er der Gebeutelten nicht zu Hilfe kommt. Im Buch findet sich dieser Text unter »Böses«.

Dicht an der Konkreten Poesie

Die 16 Szenen sind abwechslungsreich, auch zwei von Susanne Hinkelbein komponierte Lieder sind dabei. Besonders beeindruckend wird es, wenn sich der Blick auf die Welt und ihre Erscheinungsformen ins Poetische weitet. Wenn etwa ein von Hinkelbein dargestellter Schäfer die Alb beschreibt und wie er sich mit einem »Atlas der Stille« auf ihr orientiert. »Jeder Ort auf der Alb hat sei' eigene Stille. Und jede Zeit«, weiß er zu berichten. Berthold Biesinger fällt die Aufgabe zu, Karten, in denen Geräuschwellen eingezeichnet sind (»Lautkarta, Schallkarta, Ohrakarta«), lautmalerisch zu vertonen. Das hat was von Konkreter Poesie. »Bussard, Stille, i«, heißt es an einer Stelle. Und schon befindet man sich in der Wüstung Gruorn. (GEA)