REUTLINGEN. Die Musik zu Filmen weckt Erinnerungen. Sie lässt die Stunden im Kino wiederkehren. Sie lässt vor den Augen ihrer Hörer Bilder erscheinen. Auch dann, wenn dieser Hörer den betreffenden Film vielleicht niemals sah. Markus Huber zumindest, der am Donnerstagabend die Württembergische Philharmonie Reutlingen dirigiert, sah noch niemals »Shakespeare in Love«. Die Bilder, die bei dieser Musik vor Markus Hubers Augen erscheinen, gehören viel eher dem Länderspiel an, das er lieber sehen würde, während seine Frau in einem anderen Sender die Romanze mit Gwyneth Paltrow und Joseph Fiennes erspäht hat.
Nichtsdestotrotz: Markus Huber schwärmt von der Musik, die der Brite Stephen Warbeck zum Shakespeare-Reigen schrieb. Huber hat sich gründlich auf das Reutlinger Konzert vorbereitet, auch indem er sich in seinem Hotelzimmer die Wikipedia-Einträge zu jedem der Filme vornahm, deren Musik an diesem Abend auf dem Programm steht. Neben sehr bekannten Werken finden sich darin auch Musiken ausgewählt, die Filme untermalten, mit denen die zeitgenössischen Kinogänger nicht mehr allzu vertraut sind. Jacques Demys Musical »Die Regenschirme von Cherbourg« will in Reutlingen nur ein einziger Zuschauer gesehen haben, als Markus Huber das Publikum im Reutlinger Naturtheater befragt – aber gerade dieser Soundtrack bietet mit dem Stück »I Will Wait For You« Konzertmeister Timo de Leo Gelegenheit zu einem Solo auf der Geige – nach einer kurzen Einleitung der Streicher beginnt er mit weitschweifendem Gefühl diesen romantischen Ausflug.
Erinnerungen an Filmklassiker
Ein weiterer Film, der einst sehr große Erfolge feierte, längst aber weniger gesehen wird, ist Fellinis »La Strada – Das Lied der Straße« (1954). Nino Rotas Musik, mit ihrem auftrumpfenden frivolen Zirkusdonner und den Momenten tiefer Liebe, die zwischen ihnen leuchten, ist, im zweiten Teil des Konzerts, das komplexeste, dramatischste Stück des Abends, mit seinen Wechseln zwischen Pomp und Innigkeit, zwischen Dur und Moll auch, bei den Bratschen, wie Markus Huber spitz herausstreicht.
Huber dirigiert mit Temperament und moderiert mit kantigem Humor. Er stammt aus München. »In der Pause«, sagt er nach der Pause dann, »hat mich jemand gefragt, ob ich Österreicher sei. Beinahe hätte ich das Konzert abgebrochen.« Markus Huber ist Chefdirigent der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach, er wirkte als Gastdirigent in Philadelphia, San Francisco, bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, und nun in Reutlingen. Er führt zunächst durch die Filmwelten des klassischen Hollywood – mit »Casablanca«, einer Suite, die neben »As Time Goes By« auch die Marseillaise erklingen lässt, mit »Over the Rainbow« aus »Der Zauberer von Oz«, und »Moon River«, Henry Mancinis träumerische Melodie zu »Frühstück bei Tiffany«.
Ein Gebet für den Frieden
»A Prayer For Peace« dagegen, aus Steven Spielbergs Film »München«, sprengt den Rahmen aus Romantik und Pathos, den das Filmkonzert spannt, lädt ein zu Minuten der Besinnlichkeit, angesichts der Schrecken in der Welt. Bei der Musik zur immer noch berühmten Filmreihe »Der Pate«, komponiert ebenfalls von Nino Rota, tritt erst ein Trompeter auf den Balkon der Kulisse des Naturtheaters, spielt dann, gleich neben dem Dirigenten, Daniel Sundy, eben noch Kontrabassist der Philharmonie, die unverkennbare Melodie auf Mandoline und Akkordeon.
Der stetig wallende Puls von »Shakespeare in Love« – Achim Nörz auf dem Marimbafon –, die markante Marschmusik von »Indiana Jones« und schließlich die monumentalen musikalischen Raumflüge, die John Williams für »Star Wars« inszenierte, lassen die Herzen Reutlinger Film- und Musikfreunde höher schlagen. Als Zugabe gibt es, nicht weniger triumphal, Musik, die Williams für »Hook« (1991) und »Superman« (1978) schrieb. (GEA)

