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Aktuell Pop

Mit der Feenstimme im Klopapierwald

STUTTGART.Mit 19 Jahren hatte Adele, derzeit erfolgreichste Sängerin weltweit, ihre ersten großen Hits veröffentlicht. Sehr jung? Oh, das ist doch noch gar nichts. Als Birdy beim Talentwettbewerb gewann, war sie zwölf. Und als sie ihre erste Single in die Hitparaden brachte, süße 14. Mittlerweile ist die junge Britin 20 und tourt mit ihrem dritten Album. Am Donnerstag war sie im Stuttgarter Theaterhaus zum ersten von sieben Deutschland-Konzerten. Genau eineinhalb Stunden lang. Und wirklich bezaubernd.

Vorn kreischen die Teenies

In Deutschland kennt man sie, seit sie 2012 als Stargast im Finale der Castingshow »The Voice of Germany« den Titel »People Help The People« sang. Damit schnellte sie auf Platz drei der Hitparade. Ihre Alben schafften es ebenfalls in die Top Ten der deutschen Verkaufscharts.

Kein Wunder: Ihre als Indie-Folk-Pop eher mühsam etikettierte Musik ist melodisch und zeitlos, besteht oft nur aus der Feenstimme plus Klavier, sehr intim und anrührend. Musik, wie man sie vermisst, wenn im Radio wieder der gerade angesagte Einheitsmist dudelt.

Vielleicht sind Birdys Gäste deswegen eine so drollige Mixtur: Vorn kreischen einige Reihen begeisterter Teenies schrill für ihr Idol. Dahinter stehen Erwachsene, dermaßen gechillt vom Wohlklang, dass sie kaum noch die Hände hochbringen zum Klatschen. Anzugträger nippen am Bier, aufgerüschte Mittvierzigerinnen tanzen mit geschlossenen Augen, wartende Erziehungsberechtigte wippen leise mit, und Liebespaare haben bei solchen Klängen nur Augen füreinander und nicht für die Bühne.

Das Haar schwingt leise mit

Dort tut sich sowieso nicht viel, aber das passt. Birdy selbst sitzt meist am Flügel, ihr bis zur Hüfte reichendes Feenhaar schwingt leise mit. Man zweifelt keine Sekunde, dass sie sehr viele Stunden jeden Tag so verbringt, singend am Klavier. Manchmal greift sie zur Gitarre. Nur selten stellt sie sich ohne Instrument ans Mikrofon. Band und Background halten sich zurück, Streicher und Flötentöne, nur Prisen aktueller Dance-Rhythmen.

Das Bühnenbild hat was von einem Zauberwald. Mit Hunderten von der Decke herunter hängenden Folienstreifen erinnert es auch ein klitzekleines bisschen an eine Kindergarten-Bastelei mit ganz viel Klopapier. Aber natürlich ganz zauberhaft ausgeleuchtet.

Die Songs serviert Birdy live so, wie das auch alte Hasen machen: einmal quer durchs neue Album, zwischendurch die alten Hits. Mag sein, dass die neuen Titel etwas konventioneller und seichter sind.

Alles sitzt, alles klappt. Kein falscher Ton, keine Unsicherheit. Und Birdys Talente beeindrucken. Sie ist wirklich eins mit ihren Instrumenten. Sie schreibt seit dem zweiten Album ihre Songs selbst. Schöne, einprägsame Melodiebögen, aber auch echte Pophymnen. »Wings« hätte man am Donnerstag gut und gern für ein Stück von Coldplay halten können.

Und sie hat diese Stimme. Natürlich, weich, mit Schmelz und Kraft, wie geschaffen für Balladen. Sie kann gläsern an Tori Amos oder Heather Nova erinnern. Experimentierfreudig geht sie in die hohen Lagen, mal zart gehaucht oder bröselig, mal mit kunstvoll ausgeformten Koloraturen.

Als der liebe Gott die Talente verteilt hat, hat Birdy besonders oft »hier« gerufen. Jetzt heißt es, Daumen drücken, dass sie es schafft, gegenüber der Musikindustrie öfter »nein danke« zu sagen und stärker ihr eigenes Ding zu machen. Dann wird Radiohören in den nächsten Jahren schöner. (GEA)