PARIS. Wir treffen Mireille Mathieu im edlen Pariser Hotel »Le Bristol«, direkt gegenüber dem Élysée-Palast. Die in der Provence geborene Sängerin ist gerade 78 Jahre alt geworden, was man ihrem Gesicht so rein gar nicht ansieht. Die Haut ist glatt, die Frisur ist – wie seit ihrer Jugend – ein pechschwarzer Pagenschnitt. Mathieu trägt eine geblümte rosa Bluse und eine schwarze Stoffhose. Sie hat sehr gute Laune, während sie über ihre bevorstehende Tournee »Goodbye My Love Goodbye«, ihre seit sechzig Jahren währende Karriere, Olympia, ihren Lebenswandel und ihre Liebe zu Russland spricht. GEA: Paris steht gerade ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Verfolgen Sie die Wettbewerbe?
Mireille Mathieu: Es ist eine große Ehre für Paris und für ganz Frankreich, diese Spiele auszurichten. Ich werde während Olympia nicht in Paris sein, aber ich gucke mir das auf jeden Fall an. Dort treten ja die größten und besten Champions der Welt im friedlichen Wettbewerb gegeneinander an, so etwas ist doch einfach bewundernswert. Ich mag alle Arten von Sport. Meine Disziplin wäre aber nicht der Stabhochsprung, weil ich zu klein bin und immer unter der Latte durchfliegen würde.
Sport bringt Menschen aus aller Welt zusammen. Musik auch. Es gibt wenig Länder, in denen Sie noch nicht gesungen haben …
Mathieu: Musik kennt keine Grenzen. Sie vereint, genau wie der Sport. Und ich sehe noch weitere Parallelen. Für mich ist meine Arbeit mit der einer Sportlerin vergleichbar, ganz besonders, was die Vorbereitung und den Lebenswandel angeht. Ich muss sehr diszipliniert sein und wie eine Sportlerin sehr auf meine schlanke Linien achten.
Fällt Ihnen das schwer?
Mathieu: Ja, denn ich esse gerne. Aber ich muss aufpassen, weil ich klein bin. Und ich muss meine Stimme immer und immer wieder trainieren, vor allem die Atmung. Wenn ich auf Tournee bin, passiert nebenher nicht viel. Theater, Hotel, nächste Stadt, das ist in dieser Zeit mein Leben.
Sie fingen Ihre Karriere vor sechzig Jahren noch als Teenager an. Das war die Zeit von Bands wie den Rolling Stones. Haben Sie nie den Reiz verspürt, auch mal wild zu sein?
Mathieu: Nein, nein! Ich glaube gar nicht, dass ich was verpasst habe. Im Gegenteil: Ich war sehr froh, dass ich nicht mehr in der Papierfabrik arbeiten musste, sondern als Sängerin.
Jetzt kommen Sie wieder auf Tournee. Wie bereiten Sie sich auf Konzerte vor?
Mathieu: Das ist tatsächlich eine Vorbereitung wie bei einer Sportlerin. Ich schlafe viel, dann werde ich gründlich geschminkt. Am Veranstaltungsort spreche ich mit den Technikern, fange an, mich einzusingen, warte, werde noch mal geschminkt. Ein Abendessen gibt es auch, aber nicht viel. Nur ein bisschen Huhn, Suppe und einen Joghurt. Das ist alles.
Kochen Sie gerne selbst?
Mathieu: Nein, kochen kann ich überhaupt nicht. Ich lebe mit meiner Schwester zusammen, sie kocht großartig für uns. Ich helfe manchmal mit, schäle das Gemüse, solche Sachen. Während des Corona-Lockdowns waren wir in unserem Elternhaus in der Provence, da hatten wir uns die Arbeit in der Küche sehr genau aufgeteilt. Ich war zum Beispiel zuständig für das Bohnenschälen.
Sie singen in zwölf Sprachen. Welche ist die Schwierigste?
Mathieu: Finnisch! Das ist die vielleicht kniffligste Sprache überhaupt. Aber mir macht es Spaß, es zu versuchen. Ich liebe es, wie die Menschen reagieren, wenn ich in ihrer Sprache singe.
Lässt sich ein Lied in jeder Sprache singen?
Mathieu: Natürlich ist das sehr schwierig. Es ist viel Arbeit, keine Frage. Einige Sprachen, wie Deutsch, fallen mir leichter, weil ich schon viel auf Deutsch gesungen habe. Aber ich habe eben auch auf Finnisch, auf Chinesisch und auf Japanisch gesungen, und das klingt gleich ganz anders. Man kann absolut in jeder Sprache schön singen.
Sie sind häufig in Russland aufgetreten. Tut es Ihnen weh, was aus dem Land geworden ist?
Mathieu: Ich war in der Tat sehr oft und gern in Russland. Leider kann ich jetzt nicht mehr dort auftreten. Aber ich mag die Russen, und bei Weitem nicht alle Menschen in Russland sind böse oder hegen schlechte Absichten.
Sie hatten ein sehr gutes Verhältnis zu Wladimir Putin. Er hat Ihnen noch zu Ihrem 75. Geburtstag vor drei Jahren einen Brief geschrieben. Was denken Sie, wenn Sie den Krieg in der Ukraine anschauen?
Mathieu: Ich bin keine Politikerin. Aber es gibt Politiker, die ich bewundere, den großartigen Nelson Mandela etwa. Mir liegt immer das Volk am Herzen, die Menschen. Was da tobt, ist ein schrecklicher Krieg. Er dürfte nicht existieren. Jeden Tag hört und liest man das Wort »Krieg« in den Nachrichten. Aber selten hört man das Wort »Frieden«. Müsste es jetzt nicht jemanden geben, der versucht, zu verhandeln, der einen Silberstreif am Horizont probiert auszuhandeln? Wo ist diese Person? Die Menschen brauchen eine Perspektive und Hoffnung.
Lässt sich mit Kunst in solchen Fragen etwas erreichen?
Mathieu: Nein, das überfordert die Musik und die Kunst. Wie soll eine Musikerin in so einer Situation vermitteln? Das müssen Profis machen.
Wobei Sie eine der wenigen Künstlerinnen waren, die in Deutschland sowohl im Osten wie im Westen geliebt wurden.
Mathieu: Das stimmt, aber trotzdem werde ich als Sängerin keinen Frieden herbeisingen können. Es gibt aber ein Lied von mir, »Mille Colombes«. Im Libanon hat man mal junge Studierende gefragt, welche drei Lieder sie mit Frieden in Verbindung bringen. Die meistgenannten waren »What A Wonderful World«, dann ein Lied einer libanesischen Sängerin, und eben »Mille Colombes«, auf Deutsch »Tausend Tauben«.
Ihre Eltern haben 14 Kinder großgezogen. Ihr Verhältnis zu den Geschwistern ist sehr eng, oder?
Mathieu: Ja, mit meinen Geschwistern verstehe ich mich exzellent. Ich habe einen Bruder, der ist Bäcker in der Provence. Ein weiterer lebt in der Nähe von Avignon, einer noch im Elternhaus, ein Bruder arbeitet in einem Altersheim, einer ist Bademeister, drei sind in Rente. Eine meiner Schwestern kümmert sich um einen Bruder, der den Tod unserer Mutter nicht gut verkraftet hat. Und meine Schwester Monique ist seit Jahren meine Managerin.
Sie singen Ihr gesamtes Leben lang über die Liebe. Haben Sie dank Ihrer Lieder die Liebe verstanden?
Mathieu: Ja, die Liebe ist wirklich überall und sehr mächtig. Ohne die Liebe wären wir alle ziemlich aufgeschmissen. (GEA)
Mireille Mathieu: 8. November, 20 Uhr, Liederhalle Stuttgart
