STUTTGART. Die Fantastischen Vier, in Stuttgart gegründet, waren die erste Rap-Formation, die mit »deutschem Sprechgesang«, wie sie ihre Musik selbst nennen, bundesweit Schlagzeilen machte. Sie verkauften bis heute über acht Millionen Tonträger und sind zu einer Institution geworden. Jetzt haben die Fantas ihre Abschiedstournee angekündet. Ein Gespräch mit Gründungsmitglied Michael »Michi« Beck, 58.
GEA: Unter dem Titel »Der letzte Bus« wollen Sie Ihre Abschiedstournee spielen. Warum ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?
Michi Beck: Ob es der richtige Zeitpunkt ist, das weiß man immer erst hinterher. »Jetzt« heißt ja in unserem Fall von Ende des Jahres bis 2028. Wir denken, dass das ein guter Zeitpunkt ist, weil wir während dieser Tour alle unsere Sechziger erreichen. Wir wollen nicht irgendwann aus gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen sagen müssen, dass wir jetzt alles anders machen müssen. Die Fantastischen Vier live sind die drei MCs, die im Dauerspurt über die Bühne laufen und herumhüpfen. So soll man uns auch in Erinnerung behalten.
Wie kräftezehrend ist eine Tournee mit den Fantastischen Vier wirklich?
Beck: Wir merken schon, dass die zweieinhalb Stunden auf der Bühne die Energie von einem Tag komplett auffressen. Das Drumherum wird für uns immer anstrengender. Wir merken einfach, dass unser Programm von Tour zu Tour kräftezehrender wird. Dazu kommt, dass wir es im Moment nicht sehen, noch einmal ein ganzes Album aufzunehmen. Wir sammeln immer noch ständig Ideen für neue Songs, aber das Langformat hat sich für uns ein bisschen erledigt. Du verbringst zwei, drei Jahre im Studio dafür, dass dann vielleicht ein oder zwei Songs einer Platte bei den Hörern durchkommen. Es gibt natürlich immer Hardcorefans, die sich das ganze Ding anhören, am besten auf Vinyl. Aber dafür, dass man sein ganzes Herzblut in ein Album steckt, findet es zu wenig Gehör.
Die Entscheidung ist Ihnen sicher nicht leicht gefallen, oder?
Beck: Wir haben intern lange und viel darüber geredet, Pläne geschmiedet und wieder verworfen. Wir haben uns immer geschworen, unsere Karriere nicht mit einer Mischung aus Abschiedstour und Comeback zu beenden; wenn wir es sagen, muss es auch so sein. Dann verkündest du es und weißt, es gibt kein Zurück mehr. Aber das Medienecho hat mich emotional mehr abgeholt als ich dachte. Nach diesem Announcement hatte ich einen richtigen Blues.
Gab es bei den Fantas in den vergangenen 36 Jahren auch mal richtig Zoff oder harte Diskussionen über künstlerische Dinge?
Beck: Absolut. Für »Tag am Meer«, »Sie ist weg« und »Die da« haben wir jeweils zwei oder drei ganz neue Ansätze gemacht, bis wir bei den finalen Versionen gelandet sind. Bei drei Schreiberlingen ist der Filter beim Texten sehr hart. Dazu kommt Andi, der technisch, musikalisch und soundmäßig immer am Puls der Zeit gewesen ist. Wegen dieses Anspruchs haben wir für unsere Platten immer ewig gebraucht. Die ersten drei Alben sind in drei Jahren entstanden, aber dann hatten wir manchmal vier oder sogar fünf Jahre Pause. Da war notwendiger Müßiggang dazwischen, aber auch extrem langwierige Produktionsphasen. Das ist am Ende auch das Wertvolle.
Haben Sie im Lauf der Zeit eine gesunde Streitkultur entwickelt?
Beck: O ja! Es hilft auch, dass wir alle in verschiedenen Städten wohnen. Irgendwann wurde uns bewusst, dass es nicht gut für uns und unser eigenes Leben ist, wenn wir weiter alle in dem relativ engen Stuttgart bleiben. Abstand war wichtig, um zusammen weiter zu funktionieren. Unser Grundsatz war ein bisschen verlogen, aber schon wichtig: »Bei uns kann jeder machen, was er will.« Aber das galt natürlich nie für wichtige Abgabe-, Konzert- oder Promotermine.
Die Gruppe Abba lebt auf der Bühne weiter in Form von virtuellen Avataren, begleitet von einer Live-Instrumentalband. Wäre das was für die Fantas?
Beck: So etwas wird wahrscheinlich auch immer einfacher. Dank Andi, der eine eigene Rhythmusmaschine gebastelt hat, die »BronxBox«, wurden wir zu Pionieren einer neuen Art zu produzieren. Als Künstler muss man heute aber berechtigte Angst haben, dass KI es irgendwann sogar besser hinkriegt als du selber. Deshalb ist jetzt Zeit für eine Zäsur. Vielleicht ist das ja auch ein weiterer Grund, auf diese letzte große Tour zu gehen.
Kraftwerk, die Rolling Stones, Bob Dylan – das sind allesamt ältere Herrschaften, die noch immer unterwegs sind. Warum können so viele Künstler nicht von der Bühne lassen?
Beck: Damit sprechen Sie eine Gefahr an, die ich kommen sehe: Vielleicht werden wir das Touren ja irgendwann vermissen. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass unsere geplante Jubiläums-Stadiontour einer zweijährigen Zwangspause zum Opfer fiel. Man ist schon verwöhnt, was Aufmerksamkeit von außen betrifft, wenn man das so lange macht. Diese Liebe fehlt einem irgendwann. Ich glaube nicht, dass Bob Dylan oder Ralf Hütter aus finanziellen Gründen auf Tour gehen. Wir haben schon öfters auf kleinen Bühnen gespielt. Sobald es so klein wird, steht das gemeinsame Musikmachen mehr im Vordergrund. Ich könnte mir vorstellen, dass wir irgendwann etwas Kleines, Abgefahrenes, Neues machen.
Wie haben Sie vier es geschafft, die 36 Jahre ohne große Blessuren zu überstehen?
Beck: Wir waren immer unsere eigene Therapiegruppe. Ich mit meinen von Unsicherheit geprägten Arroganzanfällen der frühen 1990er, Thomas mit seiner Flirterei mit der Yellow Press. Manchmal hatte man auch keinen Bock auf gar nichts, hatte komische Ideen oder war eine Weile irgendeinem Zeug verfallen – immer wieder haben wir uns gegenseitig aufgefangen. Auch unser Manager Bär (Andreas »Bär« Läsker, d. Red.) hat viel geleistet, um uns zusammenzuhalten. Wir hatten auch das Glück, schon in den ersten zwei Jahren an unseren Anwalt geraten zu sein. Er wurde für uns eine Art Zweit-Papa, weil er immer darauf achtete, dass es gerecht zwischen uns bleibt. Das ist sehr wichtig. (GEA)
Live-Konzerte: 20., 21, und 22. Dezember, Schleyerhalle Stuttgart
ZUR PERSON
Michael »Michi« Beck wurde 1967 in Stuttgart geboren. Nach der 11. Klasse ging er vom Gymnasium ab und machte eine Kaufmannslehre. 1987 kam es zum Kontakt mit Thomas D, Andreas Rieke und Smudo, aus denen die Fantastischen Vier wurden. Als Synchronsprecher sprach er den Skipper in den »Madagascar«-Animationsfilmen. Zusammen mit Smudo war er von 2014 bis 2018 Coach bei The Voice of Germany.

