REUTLINGEN. 100 Jahre alt wäre er dieses Jahr geworden, Pierre Boulez, 2016 gestorben und neben Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono Mitglied des göttlichen Dreigestirns der Nachkriegs-Avantgarde. Zur Feier hatte Musica-Nova-Leiter Michael Hagemann einen der versiertesten Boulez-Kenner am Mittwochabend in die Räume des Kunstmuseums I konkret in den Wandel-Hallen geholt: Michael Wendeberg, Pianist wie Dirigent, hat in zahlreichen Projekten mit Boulez gearbeitet.
In den Wandel-Hallen brachte er das komplette Soloklavierwerk des Franzosen auf die Tasten. Drei Sonaten (1946–1963), zwölf kurze »Notationen« (1945), die späten »Incises« (1994/2001) und ein Albumblatt (2005) – das ist alles. Ein schmales Werk, aber eines, das es in sich hat. Dem Flügel war Boulez in Hassliebe verbunden; zu tief wurzelte das Instrument in den Bürgersalons des 19. Jahrhunderts, stand für jene Tradition, die er zu zertrümmern antrat. Er, der als junger Wilder sämtliche Opernhäuser niederbrennen wollte – in denen er später als gefeierter Star dirigierte.
Schlaglichter einer Persönlichkeit
In kurzen Talks ließen Hagemann und Wendeberg diese Persönlichkeit aufblitzen: vom hitzköpfigen Berserker der Studienzeit bis zum humanistischen Feingeist der späten Jahre. Was Wendeberg dann auf den Tasten vollbrachte, hinterließ das Publikum mit offenem Mund. Nicht dass der Musiker eine Virtuosenshow abgezogen hätte – genau gegen diese Pose der Romantik komponierte Boulez ja an. Wendeberg agierte als kühl-überlegter Sachwalter des Komponisten: nüchtern, dicht am Notentext – und doch immens einfühlend.
Was Boulez ihm dabei abverlangt, ist atemberaubend. In seinem Furor, die klassisch-romantische Tradition zu zertrümmern, zwingt Boulez den Pianisten zu maschinenhaft rasenden Tastenexzessen. Und doch scheint er die Tradition, die er attackiert, gleichzeitig auch zu feiern. Satzaufteilung, Trillerketten und mehr zitieren die alte Tonwelt inmitten der atonal-zerklüfteten Klänge. Nie lässt er den Pianisten in den Flügelkasten greifen, alles spielt sich rein auf den schwarzen und weißen Tasten ab – wie bereits zu Beethovens Zeiten.
Kontraste auf engstem Raum
Doch während Beethoven große Formverläufe im Blick hat, rückt Boulez die kleinräumigen Kontraste in den Fokus. In den »Douze Notations«, Miniaturen, die Boulez 1945 als Student komponierte, ist noch jedem Klangcharakter eine eigene Miniatur gewidmet. In seinen drei Sonaten setzt Boulez die Kontraste immer enger, bis in der dritten die Großform vollends in Einzelteile zerfällt, die zudem noch in ihrer Reihenfolge variabel sind. Immer mehr emanzipiert sich das klangliche Einzelereignis, das sich neben anderen behauptet wie ein Himmelskörper im Zusammenspiel mit anderen. Furios, wie Wendeberg das spielt: Hier gnadenlose Härte, im nächsten Moment verwunschene Poesie, hier atemloses Aufrauschen, dort zartes Tasten im Tonraum. Bei Wendeberg werden das Tonlandschaften voll innerer Spannung und Kontrastschärfe.
Interessant, dass Boulez in seinem Spätwerk wieder mehr den größeren Bogen sucht, in den »Incises« etwa weite Passagen mit vibrierenden Trillerflächen verbindet. Sein »Albumblatt« (»Page d'éphéméride«) fasst seine Vision noch einmal kompakt zusammen: ein Kosmos, der an der Oberfläche kühl funkelt wie eine stählerne Maschinerie – darunter aber eine zarte Poesie spüren lässt. Ein denkwürdiger Abend. (GEA)

