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Aktuell INTERVIEW

Melissa Etheridge: »Wir predigen nicht«

US-Rock-Legende Melissa Etheridge über ihr neues Album, LGBTQ und den Mauerfall

Foto: Deutsche Presse Agentur
Foto: Deutsche Presse Agentur

LOS ANGELES. Die Sängerin Melissa Etheridge macht kein Geheimnis aus ihrer sexuellen Orientierung und kämpft schon lange für die Rechte der LGBTQ-Community. Sie hat jahrzehntelange Erfahrung mit Widerstandsfähigkeit und Eintracht. Im Juni und Juli stellt die 63-jährige US-Amerikanerin ihre größten Hits und Songs ihres kommenden Albums in Deutschland und Österreich vor. Mit Etheridge sprachen wir über den tragischen Tod ihres Sohnes Beckett, Donald Trumps Dekrete gegen Transgender-Personen und darüber, wie sie als junge Frau in Berlin den Fall der Mauer erlebt hat.GEA: Mrs. Etheridge, Sie haben Anfang des Jahres die Los-Angeles-Feuer miterlebt. Solch verheerende Brände unmittelbar zu sehen ist sicher ein unauslöschliches Erlebnis. Werden Sie das Trauma womöglich in Ihrem nächsten Album verarbeiten?

Melissa Etheridge: In einem meiner neuen Stücke geht es nicht explizit um das Feuer, sondern darum, eine schwere Zeit und ein traumatisches Ereignis zu durchleben. Während der Brände gab es einen Moment, in dem meine Frau und ich uns ansahen und uns bewusst wurden, dass wir möglicherweise alles verlieren könnten. Wenn man in seinem Leben an diesen Punkt kommt, denkt man: »Nun, ich habe meine Familie und meine Haustiere. Mir wird es gut gehen. Selbst wenn alles Physische weg ist.« Es war ein Gefühl von Freiheit, dass ich in der Lage sein würde, weiterzumachen und etwas Gutes daraus zu machen. Das Lied über das Zurückkommen heißt »You’re Gonna Rise«.

Sie sind das ganze Jahr über auf Tour. Welcher Ihrer vielen Songs darf da auf keinen Fall fehlen?

Etheridge: »Bring Me Some Water« und »Like The Way I Do«. »I Am The Only One« und »Come To My Window«. Und natürlich »I Want To Come Over«. Das sind die Songs, die ich immer spiele, aber in Europa, besonders in Deutschland, spiele ich auch viel von meinem ersten, zweiten und sogar dritten Album. Tatsächlich habe ich viele Songs in Deutschland geschrieben, als ich dort in den späten 80ern und frühen 90ern auf Tour war. Weil ich inspiriert wurde. Ich war in Berlin, als die Mauer fiel. Das hat mich sehr stark beeinflusst.

Wie erinnern Sie sich an die Tage um den 9. November 1989?

Etheridge: In der Nacht standen die Soldaten noch auf der Mauer, und man wusste nicht, ob sie anfangen würden, auf Menschen zu schießen. Aber an dem Morgen, als wir in Berlin ankamen, war tatsächlich die Grenze offen. Die Mauer war gefallen, und ich war dabei und sah all diese Leute mit den Kettensägen. Das miterlebt zu haben, bewegt mich immer noch. Ich sah, wie sich direkt vor meinen Augen ein großer Wandel vollzog. Ich glaube fest daran, dass der Wille der Menschen alles verändern kann.

Sind Sie aus Neugier auch in den Ostteil der Stadt gegangen?

Etheridge: Nein, nicht in dieser Nacht. Aber ich habe viele Ostdeutsche gesehen, die im Westteil herumliefen. Viele von ihnen hatten sich Walkmen und Bananen gekauft, diese Ikonen des Westens. Und dann nahm ich an einer riesigen kostenlosen Show in einer Arena teil (Mauerfall: Konzert für Berlin am 12.11.1989, die Red.). Es war großartig. Menschen aus dem Osten und dem Westen tanzten zusammen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es war wirklich bewegend.

In den USA gehen Sie zusammen mit den Indigo Girls auf Tour. Die gelten als Ikonen der queeren Bewegung – genau wie Sie. Wollen Sie mit der Tour ein Zeichen setzen in Zeiten, in denen Trump LGBTQ+-Bürgerrechte einschränken will?

Etheridge: Sicher, ja. Wir gehen nicht auf die Bühne und predigen oder so. Wir zeigen einfach, dass wir die Musik gemeinsam mit dem Publikum genießen. Wir lachen mit ihnen. Man bewirkt auf diese Weise mehr, als wenn man predigt.

Trump will Transfrauen und -mädchen von weiblichen Sportteams in Schulen und Unis ausschließen. Was hasst er eigentlich so sehr an Trans-Personen?

Etheridge: Trump hasst nicht, es kümmert ihn einfach nicht. Er wählt einfach ein Thema aus, das die Leute nicht verstehen. Republikaner wissen nichts über Trans-Personen, sie zeigen einfach ein »verrücktes« Foto von einem Mann, der wie eine Frau gekleidet ist und sagen: »Wollt ihr das in eurem Badezimmer?« Sie setzen auf die Grundangst. Und diese Angst kontrolliert dann. Sie versuchen, drakonische Gesetze gegen Trans-Personen zu erlassen. Es geht nur um Macht. Alles andere ist ihnen egal. Sie wissen nur, wenn sie den Leuten genug Angst machen, werden sie für sie stimmen. Es ist schon traurig.

Wie erklären Sie sich die Liebe vieler Ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger für einen Autokraten?

Etheridge: Mit Furcht. Darin liegt ein Trost, wenn man die Wahrheit nur genug verdreht. Wenn die Nachrichtensender auf Sensationen aus sind und sich mehr darum kümmern, wie viele Leute ihnen zusehen, als um den Wahrheitsgehalt dessen, was sie sagen, ist das gefährlich. Wenn die Sensationslust zur Story wird, ist es für jemanden leicht zu sagen: »Der Grund, warum ihr unglücklich seid, sind diese Leute hier.« Wenn man das tut, ist es leicht, die Menschen zu spalten. Und wenn man sie spaltet, kann man zum Autokraten werden. Leider ist das Bildungsniveau in Amerika nicht sehr hoch.

Ihr letztes Album »I’m Not Broken (Live From Topeka Correctional Facility)« wurde in einem Frauengefängnis aufgenommen. Haben auch Inhaftierte ein Recht auf Kultur?

Etheridge: Ja, ja, ja. Ich glaube, dass sich die Vorstellung von Verbrechen und Bestrafung ändert. Ich glaube, man beginnt allmählich zu verstehen, dass das Beste, was wir tun können, die Behandlung von Menschen ist, die ein Verbrechen begangen haben, insbesondere im Zusammenhang mit Drogen. Man muss ihnen helfen, ihre Sucht zu überwinden. Denn diese Süchte haben ihren Ursprung meist in einem frühen Trauma. Vielleicht können wir diesen Menschen bei der Bewältigung ihres Traumas helfen, damit sie andere Entscheidungen treffen, die nicht wieder zu einer Drogensucht führen.

War der tragische Tod Ihres Sohnes Beckett rückblickend die größte Katastrophe in Ihrem bisherigen Leben?

Etheridge: Ja, aber meine ganze Familie in der Zeit hielt zusammen. Und ich musste mir auch selbst helfen und zu dem Punkt kommen, dass ich entweder zulassen kann, dass mich das in Schuld, Scham, Trauer und Traurigkeit wegspült und ich mich hinlege und sterbe. Oder ich kann daran arbeiten zu verstehen, dass dies sein Leben war und dass ich ihn nicht retten konnte. Niemand kann jemand anderen retten. Man kann ihn nur inspirieren, und ich habe mein Bestes getan. Beckett war so lange hier. Das ist in Ordnung. Ich musste mich einfach selbst aufbauen und das Ganze in etwas Positives verwandeln. Also habe ich eine Stiftung gegründet, um anderen Familien zu helfen und vielleicht andere Leben zu retten. (GEA)

 

Melissa Etheridge & Band live: 30.06.2025, Stuttgart, Liederhalle