Mathias Richling: Verschiedenen. Fangen wir mit Stuttgart 21 an: Das hat mit Verschwörung zu tun, weil wir erfahren haben, dass die Bahn viele Dinge verschwiegen hat. Die Tunnel sind kleiner, als sie sein dürften, die Bahnsteige zu steil und für Rollstuhlfahrer und Kinderwägen ungeeignet. Vieles Weitere wurde von den Gegnern offengelegt und trotzdem kommt es dazu. Wie kann das sein, wo doch jeder weiß, dass ein Vertrag, der durch falsche Angaben zustande gekommen ist, sittenwidrig und nichtig ist? Oder nehmen Sie Griechenland: Wir wissen heute, das Land hat sich den Euro mit falschen Angaben erschlichen, trotzdem sagt man nicht, die Verträge sind alle nichtig. So was widerspricht dem gesunden Menschenverstand, und darum geht es in dem Programm.
Nach »Scheibenwischer« und »Satire-Gipfel« sind Sie momentan im TV nicht in der ersten Reihe zu erleben -
Richling: Wenn ich widersprechen darf: »Studio Richling« wird im SWR produziert und der SWR ist erste Reihe. Außerdem wird die Sendung in der ARD im April und Oktober je vier Mal wiederholt.
Na gut, sagen wir nicht in der ganz prominenten ersten Reihe. Sehen Sie da auch verschwörerische Kräfte?
Richling: Nein, das ist eine eigene Entscheidung gewesen. Natürlich haben Sie eine andere Einschaltquote, wenn Sie nachts um zwölf gesendet werden, als abends um zehn. Aber wenn Sie um zehn gesendet werden, dann haben Sie die ganzen Verschwörungspraktiken der Einschaltquoten-Theoretiker am Hals, die sagen: »Wenn Sie nicht 10,0 Prozent haben, sondern nur 9,9 Prozent, dann sind Sie draußen!« Diese Hysterie mit den Einschaltquoten geht mir ziemlich auf die Nerven. Nach elf Uhr wird nicht mehr so schlimm gerechnet, insofern nehme ich den späten Sendeplatz in Kauf. Ein Sternerestaurant hat doch auch nicht so viel Einschaltquote wie McDonalds. Wollen Sie deshalb das Sternerestaurant zum McDonalds verbiegen?
Im Land ist ja scherzhaft gesprochen nach Jahrzehnten die Schwarze Dauerverschwörung zusammengebrochen. Bricht da für einen Kabarettisten nicht eine Welt zusammen?
Richling: Im Gegenteil! Sonst würde das doch bedeuten, dass ich am liebsten möglichst viele Gurken in der Regierung haben möchte, damit ich als Kabarettist über sie herziehen kann. Das kann nicht der Sinn der Sache sein! Kabarett ist ein kleines Rädchen im großen Getriebe mit vielen anderen Initiativen und Leuten, die sich engagieren, um Dinge auf den Weg zu bringen. Über Politiker herziehen kann nicht der Zweck an sich sein.
Wirkt der politische Umbruch euphorisierend auf Sie?
Richling: Das auf jeden Fall! Dass so was möglich ist, gerade bei uns Schwaben, wo wir doch verschrien sind als bieder und am Alten haftend. Dass wir es hinkriegen, zum ersten Mal einen grünen Ministerpräsidenten zu installieren, das lässt mich in Berlin oder Hamburg mit so geschwellter Brust stolzieren, dass mir fast der Knopf am Kragen platzt. Es ist ja wirklich ein weises Wahlergebnis gewesen. Herr Mappus hat ein sehr ordentliches Resultat eingefahren mit 39 Prozent, er ist also ganz ehrenhaft entlassen worden. Und dass die Grünen einen Prozentpunkt mehr bekommen haben als die SPD, die ruhig etwas mehr Demut zeigen könnte in ihrer Amtsführung, das ist auch sehr weise gewesen. Der Schwabe ist eben clever!
War er auch clever, als er im Volksentscheid zu Stuttgart 21 so abgestimmt hat, wie er hat?
Richling: Da bin ich natürlich befangen. Aber immerhin sind 42 Prozent gegen das Projekt eine Größe vom Umfang einer Volkspartei. Wenn Herr Kauder sich hinstellt und sagt, da terrorisiere eine Minderheit die Mehrheit, dann muss man sagen, terrorisiert die CDU das Land aber schon ganz schön lange gegen den Mehrheitswillen - und erst recht die FDP mit ihren zwei Prozent. Ich fand es eine hässliche Begleiterscheinung, dass die sogenannten Sieger mit sehr viel Häme zurückgeschlagen haben.
Jetzt haben Sie einen Ministerpräsidenten vor der Nase, der so viel Freundlichkeit ausstrahlt wie der Weihnachtsmann. Hat man nicht Hemmungen, gegen so jemanden Pointen zu feuern?
Richling: Nein, nein! Ich habe ihn seit der Wahl in jeder »Studio Richling«-Sendung gespielt. Kabarett muss ja auch nicht immer über die Persönlichkeiten herfallen, die es thematisiert, es kann ja auch Hommage sein.
Zurück zur Weltverschwörung: Die Rolle des Schurken haben die Rating-Agenturen an sich gerissen. Ist das nicht misslich für einen Parodisten? Wie wollen Sie eine Rating-Agentur parodieren?
Richling: Nein, die kann man nicht parodieren. Man kann immer nur parodieren, was den Leuten figürlich, haptisch, gegenständlich bekannt ist. Ich könnte so eine Agentur natürlich nachspielen, wie ich das bei Stuttgart 21 gemacht habe: wie die einen Gutachten bestellen und die anderen Gegengutachten bestellen und jeder das gewünschte Resultat bekommt. Bei den Banken ist es genauso: Sie bezahlen die Rating-Agenturen, die dann wieder die Banken beurteilen sollen. Das ist ein Aberwitz! Da hat sich viel verselbstständigt und man sieht auf einmal, wie einem da Demokratie entgleitet. Wenn es plötzlich vom Urteil einer Rating-Agentur abhängt, ob die Welt zusammenbricht, ist das schon eine sehr verschwörerische und gespenstische Situation.
Auf welche der Parodien in Ihrem Programm freuen Sie sich am meisten?
Richling: Auf Kretschmann natürlich! Und auch auf Helmut Schmidt, der ja gerade den neuen Kanzlerkandidaten der SPD installiert. Auch bei ihm ist es eher eine Hommage. Es sind immer die Figuren am schönsten, bei denen man auf der Bühne sichtbar denken kann. Das gelingt bei Schmidt, es gelingt auch bei Schäuble, wenn er Griechenland und das Rettungspaket auseinandernimmt.
Welche Persönlichkeiten werden Sie als Nächstes in Ihr Repertoire aufnehmen?
Richling: Als neue Figur ist ein Neonazi dabei. Der den Verfassungsschutz verbieten lassen will - mit der Frage, ob das gelingt, denn vielleicht sind ja auch zu viele NPDler beim Verfassungsschutz - Ausländische Politiker wie Sarkozy sind hingegen schwierig. Ich müsste entweder Französisch sprechen, dann verstehen es viele nicht, oder Deutsch mit französischem Akzent - und was ist dann der Witz dabei? Außerdem: Wir sehen Sarkozy immer nur, wenn er Frau Merkel ableckt - wie er sich ansonsten sprachlich und gedanklich bewegt, wissen wir ja nicht. (GEA)

