KUSTERDINGEN. Die Videobilder zeigen Schritte durch nasses Laub, Regen, Novemberwald. Traurige Keyboardklänge, Klage des Saxofons. Man sieht den Saxofonspieler einsam im Pfeilerwald der Baumstämme musizieren; schließlich fokussiert die Kamera auf einen Gedenkstein: Hier zerriss eine Panzermine 1946 drei Jugendliche; sie waren beim Spielen im Wald auf das Objekt gestoßen.
Die Szene ist eines von vier Videos, die der Kusterdinger Jazzpianist Patrick Bebelaar und sein Kollege Christoph Beck am Saxofon mit der Musikerin und Videokünstlerin Kristina Pfeffer für ein Internetprojekt aufgenommen haben. Pfeffer studiert Popularmusik an der Kirchenmusikhochschule in Tübingen, wo Bebelaar unterrichtet. So haben sie sich kennengelernt. Beim Studium in Tübingen entdeckte Pfeffer auch ihre Liebe fürs Filmen.
»Ensemble Fragile« heißt das Projekt. Weil die Videos daran erinnern, wie fragil, wie zerbrechlich unser Zusammenleben ist. Und welche Verantwortung deshalb jeder trägt, dass es nicht zerbricht, nicht im Hass untergeht.
Die Coronakrise hat schrille Töne hervorgebracht; Bebelaar und Beck hat sie zum Nachdenken angeregt. »Kunst kann die Aufmerksamkeit auf Geschichten lenken, aus denen wir uns für die Zukunft wappnen können«, schreiben sie auf der »Fragile«-Homepage. Wappnen für den Umgang mit Einschränkungen etwa. Denn solche werden auch nach Corona kommen, ist Bebelaar sich sicher. Schon wegen Klimawandel und Umweltzerstörung. Musik als Mahnung, nicht laut und mit erhobenem Zeigefinger, sondern still und introvertiert.
Wie die Sache zustande kam? In Corona-Zeiten fielen Tourneen flach, für Bebelaar etwa durch Sibirien oder Südafrika. Plötzlich war viel Zeit da. Und die Livestreams, die überall aufpoppten, kamen dem Jazzer im Vergleich zu richtigen Konzerten vor wie »Sex mit einer Beate-Uhse-Puppe«. Konnte man im Internet nicht was richtig Künstlerisches machen, mit politischer Aussage?, fragte Bebelaar sich. Denn Jazz, dieser »Akt selbstdisziplinierter Anarchie« ist für ihn immer politisch.
Notwendig sei es allemal, der lauten Minderheit etwas entgegenzusetzen, die sich auf der Straße über ihre abhanden gekommene Normalität beschwert. Eine Normalität, die nur wenige Jahrzehnte zurück gar nicht selbstverständlich gewesen sei. Viele Themen, die uns heute unter den Nägeln brennen, seien auch damals existenziell gewesen: Flucht, Vertreibung, Ausgrenzung von Minderheiten.
So sind sie mit ihrer Kamerafrau hinausgezogen, Bebelaar und Beck, haben ihre Instrumente an Orten ausgepackt, die durch ihre Geschichte und ihre Geschichten zum Nachdenken bringen. Orte, die Bebelaar aus seinem Leben kennt: In der Alten Synagoge in Hechingen ist er mehrfach aufgetreten. Am jüdischen Friedhof in Wankheim ist er als Kusterdinger oft vorbeispaziert. Im Robert-Schuman-Haus bei Metz ist er 2013 mit dem französischen Tubisten Michel Godard aufgetreten. In Trier ist er selbst geboren und aufgewachsen. Den Gedenkstein für die drei Jugendlichen entdeckte vor einigen Jahren sein Vater wieder, von Gebüsch überwuchert.
In der Alten Synagoge Hechingen sei ihm schon bei seinen Auftritten aufgefallen, wie arabisch sie wirkt, erzählt Bebelaar. Wie eng jüdische und arabische Kultur hier verwoben sind. »Warum schlagen sie sich trotzdem die Köpfe ein?«, habe er sich gefragt. So erzählt die Synagoge vom heutigen Konflikt im Nahen Osten – doch auch von mörderischer Ausgrenzung im eigenen Land. Von 1842 an Zentrum einer lebendigen jüdischen Gemeinde, wurde die Synagoge 1938 von Nazi-Schlägern demoliert, die jüdischen Einwohner verschleppt, vertrieben, ermordet.
Beck und Bebelaar lassen Klänge durch den Raum wehen, die mal arabisch, mal jüdisch klingen. Zwei verfeindete Kulturen werden in der Musik eins. Dazu gleitet die Kamera Kristina Pfeffers über die orientalisierenden Ornamente des Baus. Ein sanfter Aufruf zur Versöhnung.
Der Abstecher ins Robert-Schuman-Haus bei Metz führt in ein konservativ-altmodisches Arbeitszimmer voll dunklem Holz und schweren Folianten. Samt einem Flügel, an dem Robert Schuman persönlich spielte – nicht der Komponist, sondern der französische Innenminister der Nachkriegszeit. In diesem altmodischen Ambiente hat eben jener Schuman 1950 einen visionären Plan entwickelt: Mit Deutschland, eben noch Todfeind im Krieg, empfahl er die Zusammenarbeit – Kooperation der Schwerindustrien in Ruhr und Lothringen. Eine Vision, die zur Europäischen Union führte.
Den Raum mit seinem schweren Holz füllen Bebelaar und Beck ihrerseits mit luftig-leichten Tönen. Die Genehmigung, auf Schumans Originalflügel zu spielen, habe man ganz umstandslos bekommen, erzählt Bebelaar. Erst locker getupft, dann immer dichter umtanzen Klavier und Saxofon die Motive von »The Lion Sleeps Tonight«, während das Kameraauge Kristina Pfeffers ausgelassen über Schreibtisch und Folianten hüpft.
Ein südafrikanischer Song, der Schumans Vision weiter öffnet: hin zur Idee der Regenbogennation, wie sie nach der Apartheid unter Nelson Mandela Realität wurde. Versöhnung unter einstigen Todfeinden ist möglich, das Zusammenleben in Vielfalt auch – davon kündet der fröhlich swingende Song im Schuman-Haus.
Melancholische Mahnung hingegen ist die Szene auf dem jüdischen Friedhof in Wankheim. Wolkenverhangen der Himmel, ein Hund bellt, Raben krähen, verloren auf der nassen Wiese sieht man die Musiker mit ihren Instrumenten stehen. Der Blick der Kamera robbt über Gras und Laub, streicht über vermooste Gräber. Sie haben dort tatsächlich gespielt und aufgenommen, Bebelaar und Beck, auf Saxofon und Synthesizer im feuchten Novembergrau, mit Strom aus einem geliehenen Aggregat. Das hat etwas Bewegendes, auch wenn sie den größeren Teil der Musik im Studio für den Mittelteil des Videos noch einmal neu produzierten.
Der Ort spricht aus Sicht der Musiker über Unrecht, Flucht und Vertreibung – und mahnt, den Blick auf jene zu richten, die heute vor Not und Verfolgung übers Meer nach Europa fliehen. Bebelaar und Beck betten das auf unruhig rotierende Motive und raue Klangfelder, die in eine ergreifende Klage des Saxofons münden.
ENSEMBLE FRAGILE
Die von Kristina Pfeffer gedrehten Videos mit den Improvisationen von Patrick Bebelaar und Christoph Beck an besonderen Orten sind auf der Homepage des Projekts zu finden. Dort gibt es auch Informationen zu den jeweiligen Orten und ihrer Geschichte und zum Konzept der jeweiligen Aufführungen. Von der Homepage aus sind auch die Auftritte des Projekts auf Youtube und Instagram zu finden. (GEA)http://ensemble-fragile.de/
Am erschütterndsten ist jedoch die Szene im Wald bei Trier, die zu dem Gedenkstein für die von der Panzergranate zerrissenen Jugendlichen führt. Bilder von nasskalter Natur, vom Knirschen der Elektronikklänge unterwandert, von der Klage des Saxofons durchfurcht. Am Ende verklingt alles in sanften Keyboardtönen, melancholischen Regentropfen.
Das Wissenschaftsministerium in Stuttgart hat das Projekt mit 5 000 Euro aus Coronamitteln unterstützt. Abgeschlossen ist es nicht: Jährlich sollen drei bis vier neue Videos an neuen Schauplätzen dazukommen. »Das wird mich für den Rest meines Lebens begleiten«, orakelt Bebelaar. Der Fokus soll dabei nicht nur auf Nationalsozialismus und Weltkrieg liegen. Auch sollen Gastmusiker eingebunden werden.
Bevor es zum nächsten Dreh geht, wollen die Musiker jedoch die schmuddelige Jahreszeit vorüberlassen. Auf den ersten Videos sei genug Regen drauf – »ich würde auch gerne mal etwas mit Sonne und Weite da reinstellen«, lacht Bebelaar.
Vielleicht wird es auch mal eine Liveaufführung des Projekts geben, mit Improvisationen vor Publikum und den Filmen im Hintergrund. Aber das ist Zukunftsmusik, dafür müssten erst einmal die Möglichkeiten für Konzerte vor Publikum wieder stabil sein, sagt Bebelaar. (GEA)





