STUTTGART. Wie sehr haben wir sie vermisst, die Tänzer, Schauspieler, Sänger, die Musiker und Dirigenten! Drei Monate, nachdem der Virus alle Theater von heute auf morgen verdunkelt hat, beginnt das Stuttgarter Staatstheater zaghaft mit der Wiedereröffnung. Mit nur etwa 60 Zuschauern pro Abend und einem riesigen, über der Poesie des Abends bald vergessenen Aufwand des Abstandhaltens und der Hygieneregeln.
Unter dem Titel »Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind« hat Schauspielchef Burkhard Kosminski den Abend zusammengestellt. Mit Prosperos Worten aus Shakespeares Drama »Der Sturm« setzen Oper, Ballett, Schauspiel und Orchester, die Bühnentechniker, Gewerke, Inspizienten und Einlasser des Dreispartenhauses ein starkes, schönes Statement: Wir sind da und wir wollen spielen.
Mit jeweils zwölf Minuten Abstand werden bis zu vier Zuschauer durchs komplette Haus geführt, vom Keller bis in den dritten Rang hinauf, durch Logen, Foyers und über dunkle Hinterbühnen. Trommelschläge hallen im Schauspielhaus durchs obere Foyer, wo vier Tänzer des Stuttgarter Balletts durch den weiten Raum wirbeln und ihre Energie nach drei Monaten einsamen Trainings endlich wieder in Kunst verwandeln können.
Im Orchestergraben des Schauspielhauses wartet man auf Godot; so nachdenklich und liebevoll sprechen Sylvana Krappatsch und André Jung die berühmten Worte, dass ihre Freude über den Auftritt fast die Beckett’sche Langeweile unterminiert. Ja, wir lieben dieses absurde Theater, wenn uns die Drehbühne dann sanft, als wäre sie nie kaputt gewesen, nach oben schraubt, wo sich tief im verschneiten Lastenaufzug eine Geige nach der Weite sehnt.
Erhaben schreiten die Capulets
Ein Shakespeare-Sonett hallt von der Wand herab, erhaben schreiten die Capulets aus John Crankos »Romeo und Julia« im dunklen Verbindungsgang zum Opernhaus in ihren Roben. Auch hier spielen Musiker des Staatsorchesters, die in weitem Abstand sitzen.
Mit Thomas Bernhard denken wir an einem langen Tisch über verpasste Gelegenheiten nach, lauschen dann Isoldens Liebestod auf dem Flügel, GMD Cornelius Meister wechselt sich mit anderen Pianisten ab. Die 15 sehr weit verteilten Chorsänger in den leeren Stuhlreihen des Opernhauses sind die einzigen, die ein wenig unter den Gegebenheiten leiden, erinnert man sich doch an den vollen Klang des preisgekrönten Opernchors.
Im Privatgemach hinter der Prinzenloge hallt ein Monolog von Max Frisch aus dem Spiegel, zwei Theaterpagen entpuppen sich als Georg Büchners Leonce und Valerio.
Eines von drei verschiedenen Solos zeigt dann das Stuttgarter Ballett im Ersten Rang der Oper: vom ganz klassischen »Sterbenden Schwan« bis zu einer veritablen Uraufführung von Shaked Heller, der Friedemann Vogel melancholisch mit seiner Einsamkeit tanzen lässt.
Die Blech- und Holzbläser, die angeblich am meisten Aerosole versprühen, hat man in der Kassenhalle einfach weggesperrt zwischen die äußeren und inneren Eingangstüren. Von dort schweben die Klagen von Englischhorn oder Posaune durch eine Herbstlandschaft, wo ein vereinsamter Kartenabreißer auf Gäste wartet. Draußen im Innenhof schließlich klingt eine Barockarie in den Abendhimmel, gleich zehn Sänger der Oper wechseln sich zur Cembalobegleitung ab.
Nachdenkliche Szenen
Keine jubelnden Arien, sondern nachdenkliche Szenen und Ausschnitte haben die Intendanten Burkhard Kosminski, Tamas Detrich und Viktor Schoner versammelt. Sie stellen den wertvollen Klang der gesprochenen Sprache, die Schönheit der tanzenden Körper, die reiche Musik von Monteverdi, Wagner oder Prokofjew in den Mittelpunkt: die ganze Magie des Theaters.
Wahrscheinlich haben uns die drei Monate auf Entzug einfach gefühlig gemacht. Aber wie essenziell ist doch der Unterschied, wenn Kunst nicht von der Konserve oder von einem Bildschirm kommt, sondern direkt zu Auge und Ohr spricht. Natürlich applaudiert man an jeder Station den Künstlern, aber der Applaus von drei, vier Leuten verklingt viel zu spärlich. Das alles ist hoffentlich nur der Anfang.
Alle Termine bis 15. Juni sind bereits ausverkauft. (GEA)




