REUTLINGEN. Im vergangenen Jahr hat die Drei-Brüder-ein-Kumpel-Rock-Band aus Clenze im Wendland damit begonnen, ihr zwanzigjähriges Dienstjubiläum zu zelebrieren. In diesem Jahr gehen die Feierlichkeiten nahtlos weiter. Erneut laden Madsen ein, mit ihnen zu melodiestarken Rocksongs wie »Du schreibst Geschichte«, »Die Perfektion« oder »Heirate mich« durch den Abend zu springen und singen. Wir unterhielten uns mit dem in Berlin lebenden Sänger Sebastian Madsen (44) über die andauernde Faszination, die von seiner Band ausgeht.
GEA: Sebastian, Sie singen im Titelsong Ihres Albums »Hollywood«: »Bau mir ein Hollywood in diese graue Hood«. Es geht um zwei Jungs, die vor einem Filmplakat stehen und sich wegträumen. Kann ich überall mein Hollywood aufbauen, auch im Wendland?
Sebastian Madsen: So hat es bei mir immer funktioniert. Ich komme nicht aus der grauen Vorstadt, sondern sehr idyllisch vom Dorf, und so habe ich mir eben dort meine kleinen Spinnereien im Kinderzimmer zusammengeträumt. Ich habe jeden Tag auf der Gitarre gedaddelt, hinter mir das Poster von Nirvana.
Sie sind jetzt 44, es gibt die Band Madsen seit 2004, doch immer noch kommen viele Jugendliche in eure Konzerte. Woran liegt das?
Madsen: An unseren Liedern. »Vielleicht« habe ich geschrieben, als ich 16 war. Ich spiele das immer noch wahnsinnig gern und bin ihm auch gefühlsmäßig immer noch nah. Viele Teenies können sich mit den Gefühlen in unseren Songs identifizieren.
Auf Ihrem Album »Lichtjahre« aus dem Jahr 2018 gibt es den Song »Sommerferien«. Wie waren Sie selbst mit 16 oder 17?
Madsen: Letzter Schultag, mit dem Fahrrad nach Hause, dann schwimmen gehen, Musik machen, mit dem großen Bruder abhängen, das war saucool damals. Besonders toll war der Sommer 1998. Ich hatte meinen Realschulabschluss und lernte beim Abschlusszelten meine erste richtige Freundin kennen. Wir beiden haben viele Teenagersachen zum ersten Mal zusammen erlebt, Partys, Sex, Baggersee, Zelten, das Leben kennenlernen. Ich war 17 und fühlte mich zum ersten Mal nicht mehr wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener.
Wie viel von diesem Geist der Jugend steckt heute noch in Ihnen?
Madsen: Tja, ich fürchte, da muss man schon ehrlich zu sich sein. Diese jugendliche Teenagerenergie ist uns ein Stück weit abhandengekommen. Ganz verschwunden sind Sturm und Drang aber nicht. Es gibt auf »Hollywood« Songs wie »Ein bisschen Lärm«, der während der Corona-Isolation bei uns daheim im Wendland entstanden ist und in dem ich meinen ganzen Frust einfach mal rausbrülle.
Tut es gut, ab und zu loszuschreien?
Madsen: Das kommt auf den Ort an. Ich bin ein introvertierter Typ, ich würde jetzt weder hier in der Wohnung noch im Wald einfach losbrüllen. Ich brauche die Bühne, um genau diese Zurückhaltung zu durchbrechen. Leute, die mich neu kennenlernen, sagen oft, dass sie das nicht zusammenbekommen, diesen ruhigen Typen und dann das Tier auf der Bühne.
Haben sich die beiden Sebastians über die zwanzig Jahre angenähert?
Madsen: Nein, die sind und bleiben zwei Pole. Ich denke, das ist auch gesund. Ich könnte nicht mit Sonnenbrille und Lederjacke in den Supermarkt gehen und erst mal alle lautstark begrüßen. Ich bin auch gerne und viel allein. Ich habe meine wichtigen Freundschaften, mit meiner Frau Lisa bin ich schon seit zwölf Jahren zusammen. Ich brauche nicht viel Action. Im Alltag bin ich gerne unsichtbar.
Sie sagen im Song »Ein bisschen Lärm«, dass Sie nicht das Sprachrohr einer Generation sein wollen. Waren Sie das früher?
Madsen: In der Anfangszeit waren wir sehr jung und kurz gab es mal einen ziemlichen Hype um uns. Und wenn du dann solche Musik machst, die einen rebellischen Touch hat, nur mit kleinen Füßchen im Mainstream steht, sehr energetisch ist und die Faust nach oben reißt, dann bist du für die Medien schnell ein Phänomen des Zeitgeists. Ich denke, ein Sprachrohr war ich eher nicht. In der Rolle hätte ich mich auch nicht wohlgefühlt.
Wie machen Sie sich im vorgerückten Rocksängeralter für eine Tournee fit?
Madsen: Ich bin zum Beispiel seit gut zwei Jahren Vegetarier und finde es super. Insgesamt achte ich heute mehr auf den Körper, vor allem auch auf die Psyche. Ich war mal bei einer Heilpraktikerin, weil ich mit Panikattacken zu tun hatte, und sie sagte zu mir, wenn ich Panik bekäme, solle ich mir einen Baum angucken. Denn der Baum ist ruhig, beständig und gibt Kraft und Sauerstoff.
Über Depressionen sprechen Sie auch im Stück »Wir haben immer noch die Sonne«, wo Sie sagen, dass es tausend gute Gründe gibt, um morgens nicht aufzustehen.
Madsen: Ich stelle mich beim Texten gerne mittenrein in meine Probleme. Aber ohne, dass ich das Licht ausmache. Ich bin ein großer Fan von einem guten Ende oder zumindest von der Idee einer Lösung. Und egal, wie schlimm man gerade alles findet – die Sonne scheint unbeirrt weiter.
In zahlreichen Ihrer Lieder geht es darum, das Verbindende zu stärken. Kann man mit Rockmusik den Zusammenhalt fördern?
Madsen: Ich bin fest überzeugt, dass Musik brutal verbinden kann. Gerade beim Konzerterlebnis, wenn wildfremde Menschen zusammen springen und sich in den Armen liegen, entsteht eine überwältigende Energie. Ich habe den Eindruck, diese Kraft tut allen gut. Wir sind eine altmodische Rockband, und altmodische Rockbands erzählen seit jeher vom Gemeinschaftsgefühl und von Gerechtigkeit, nehmen wir nur wieder Bruce Springsteen. Ich denke, wir lösen unsere Probleme entweder gemeinsam – oder wir lösen sie gar nicht.
Welche Probleme beschäftigen Sie besonders?
Madsen: Mir gibt der Rechtsruck, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit, massiv zu denken. Hier wird ein mieses Spiel mit der Angst der Leute getrieben, es werden Sündenböcke gesucht, wie immer bei den Rechten. Dass man zum Beispiel Menschen, die auf der Flucht sind, weil sie in ihren Ländern verfolgt oder massakriert werden, die Hand reichen und sie empathisch behandeln sollte, anstatt sie kategorisch abzulehnen, das muss man doch eigentlich niemandem erklären müssen.
Zwischen all den großen und schweren Themen gibt es auch einen kleinen, fröhlichen Popsong namens »Heirate mich«.
Madsen: Den hätten wir fast wieder runtergeworfen vom Album. Aber dann haben wir ihn noch ein paar Mal gehört, und dieser ungestüme und schnelle Song hat einfach so massiv viel Spaß gemacht, dass wir ihn dann doch behalten wollten. Ab und zu brauchen wir ein leichtes Thema zur Erfrischung. (GEA)
Live am 26. Juli beim Hafensounds Festival im Reutlinger Echaz-Hafen

