MELCHINGEN. In den siebziger Jahren kannte jedes Kind und jeder Erwachsene Michael Endes Buch über das Mädchen Momo und die Zeitdiebe. Mutig stellt Momo sich den grauen Herren entgegen, die versuchen, den Menschen ihre kostbare Lebenszeit zu stehlen. Am 30. November hat in Bietigheim eine Bühnenfassung von »Momo« ihre Premiere gefeiert. Das Stück wird vom 5. Dezember an am Theater Lindenhof in Melchingen gezeigt. Was macht die Geschichte von Momo heute noch so erzählenswert? Darüber sprach Simone Haug vom Theater Lindenhof mit dem Regisseur Christoph Biermeier.Was macht »Momo« heute noch erzählenswert?
Christoph Biermeier: Es gibt immer wieder Werke, die überzeitlich sind, nicht altern, weil sie so parabelhaft geschrieben sind, dass sie in jeder Zeit immer wieder neu entdeckt werden können. Auch Momo ist so eine Geschichte. Eine behütete Welt, die von außen und vielleicht auch von innen bedroht wird, das war in den siebziger Jahren so und das ist heute wieder so. Ich glaube, es gibt niemanden, der nicht das Gefühl hat, es besteht gerade die Gefahr, dass unsere Welt kippt. Da trifft das Stück den Nerv der Zeit.
Und doch ist die Welt heute eine andere. Gab es Aktualisierungsbedarf?
Biermeier: Ich bin kein Fan davon, das Stück ins Heute zu übersetzen, dass man die Bedrohung durch die grauen Herren übersetzt in Smartphones oder die strengen Arbeitszeiten. Ich finde, der Parabelcharakter sollte erhalten bleiben. Denn für jeden ist eine Bedrohung etwas anderes. Dass die Zeit knapper wird und man schlecht mit der Zeit umgeht, da fühlt sich wahrscheinlich fast jeder ertappt. Wenn man das jetzt aktualisiert, dann sagt der eine oder die andere, ich habe doch kein Handy, oder ich bin Rentnerin. Ich glaube, es ist gut, wenn man das offen hält.
Wie übersetzt man die fantastische Welt aus dem Buch in ein Bühnengeschehen?
Biermeier: Wenn man das Buch liest, hat man den Eindruck, das ist eine Disneyverfilmung. Diese ganze Magie, die Stundenblumen, da könnte man meinen, das bräuchte jetzt großes Hollywood-Kino. Das Erstaunliche ist aber, dass das Theater mit viel kleineren, aber wundersameren Mitteln genauso eine Magie entfalten kann. Wir erzählen zum Beispiel die Zeit und die sich beschleunigende Zeit über eine Drehbühne. Wie die Menschen bei der sich beschleunigenden Zeit aus der Puste kommen und ihre Orientierung und ihren festen Stand erst wieder finden müssen, das ist sehr schön.
»Ich bin kein Fan davon, das Stück ins Heute zu übersetzen«
Ein Familienstück soll gleichzeitig Kinder und Erwachsene ansprechen. Wie kann das gelingen?
Biermeier: Kinder langweilen sich nicht subtil und sind somit viel anspruchsvollere Zuschauer. Handwerklich muss man da auf Zack sein. Nach 50 Minuten muss es eine Pause oder einen Weltuntergang geben, da ist die gefühlte Schulstunde um. Die Geschichte von Momo trägt. Da muss man nichts vereinfachen oder verkomplizieren, damit es die verschiedenen Generationen rezipieren können.
Neben Momo kommen noch andere Figuren vor wie Beppo der Straßenkehrer oder Meister Hora. Welche Figur aus der Geschichte hat es dir besonders angetan?
Biermeier: Ich verliebe mich eigentlich immer in alle Figuren, wenn ich sie dann auf der Bühne sehe. Für mich als Regisseur war eine besondere Herausforderung die Schildkröte Kassiopeia. Wie stellt man eine Schildkröte auf der Bühne dar, wenn man keine Schildkröte hat, sondern nur eine Schauspielerin? Was ist das Wesen dieser Schildkröte, übertragen auf eine Schauspielerin? Das ist theaterhandwerklich eine ziemliche Herausforderung.
Noch eine persönliche Frage: Was ist dein größter Zeitdieb?
Biermeier: Wofür ich total anfällig bin, das sind die Medien, diese Flut an Neuigkeiten und Informationen, die sekündlich auf mich hereinprasselt. Mich hier zu wehren und zu wappnen, hierfür ist das Stück ein guter Hinweis. Mal zu sagen, lass das doch alles mal weg und gehe raus, schaue dir die Natur an und rede mit Menschen. Das Buch von Michael Ende »Momo« ist auch so gut, weil es eine Utopie beschreibt. Wir sind ja der Meinung, alles sei so ausweglos. Aber Momo als Figur oder auch Prinzip, das die Menschen zum Reden und Zuhören bringt, zeigt, dass Kommunikation die Welt zum Besseren verändern kann. (eg)

