TÜBINGEN. Es liegt eine Spannung in der Luft, die mitten im Winter Hitzewallungen auslöst. Die Stimme der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken zaubert vom ersten Stück an etwas Neues aus Bekanntem und Bewährtem. Am besten kann man es vielleicht mit der harmonischen Einheit aus Stimmlage, Intonation und Timing sowie einer auf alles Überflüssige verzichtenden Instrumentierung beschreiben, die Rebekka Bakkens intensive Stimme maximal zur Geltung kommen lässt. Die Sängerin, die nicht nur Jazzfans in Massen anzieht, ist für ihr neues Album »Winter Nights« dorthin zurückgereist, wo sie groß wurde, in die Winter- und Weihnachtszeit ihres Heimatlandes Norwegen.
Dabei sind es längst nicht nur Weihnachtslieder und Coverversionen, die die blonde Chanteuse mit ihrer aufregenden Stimme bearbeitet. Die 55-Jährige ist bekannt dafür, das gängige Jazz-Repertoire mit Griff in den Folk- und Pop-Fundus zu erweitern. Bei ihrem Tübinger Solokonzert im mit 400 Fans gut besuchten Sudhaus singt sie am Samstag Lieder wie »Calling All Angels« von Jane Siberry, das alte Weihnachtslied »In The Bleak Midwinter« von Gustav Holst, das noch ältere »Silent Night« und schafft es sogar mit ihrer Drei-Oktaven-Stimme, das oft gehörte »Last Christmas« von Wham in ein zarteres Licht zu tauchen. Dazu erzählt sie zu fast jedem Song Geschichten aus ihrem Leben, über ihre nicht immer einfachen Eltern, die wahre Liebe und falsche Männer.
Lied im Wiener Dialekt
Wenn die in Lier bei Oslo geborene Künstlerin immer wieder auf ihr Lieblingsthema, die Männer, zu sprechen kommt, erzählt, dass »der attraktivste Plattenverkäufer Nordeuropas im Tübinger Rimpo beschäftigt ist«, dann ist da fast niemand, der von der groß gewachsenen Frau mit dem langen, ungebändigten Blond-Haar nicht gern einmal in die Kunst »how to fall in love« eingeführt würde. Ergreifend auch, wenn sie Ludwig Hirschs »Und der Schnee draußen schmilzt« im Wiener Dialekt vorträgt oder das Tom-Waits-Cover »Time« in einen veritablen Schmachtfetzen überführt. Dabei empfindet sich Rebekka Bakken weniger als Jazz- denn als Popsängerin. Sie arbeitet auf der Ebene von Emotionen und dem vorsichtigen Ineinandergreifen des von ihr gespielten Klaviers, in das ihre Stimme sich sanft einfügt.
Am Ende gibt es zwei Zugaben und stehende Ovationen für eine souveräne Entertainerin, die durch ihre Stimme und ihren Charme das Publikum überzeugt hat. (GEA)

