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Lindemann-Konzert in Stuttgart: Die Party geht weiter

Till Lindemann gibt ein Konzert in Stuttgart. »Jetzt erst recht«, scheint die Show zu sagen. Auch nach dem Row-Zero-Skandal zelebriert der Künstler weiter Sex, Gewalt und Perversion

Till Lindemann in der Stuttgarter Schleyerhalle: Derzeit ist er mit seiner Solo-Show »Meine Welt« auf Europa-Tournee.
Till Lindemann in der Stuttgarter Schleyerhalle: Derzeit ist er mit seiner Solo-Show »Meine Welt« auf Europa-Tournee. Foto: Jan Woitas / dpa
Till Lindemann in der Stuttgarter Schleyerhalle: Derzeit ist er mit seiner Solo-Show »Meine Welt« auf Europa-Tournee.
Foto: Jan Woitas / dpa

STUTTGART. Till Lindemann ist ein Fetischist von Körperöffnungen. Münder verschlingen Essen, Penisse stoßen in Vaginas, Exkremente quillen aus Polöchern. Was da an Audiovisuellem über die Leinwand flimmert, soll schocken, provozieren, verunsichern. Doch die 10.000 Zuschauer in der Schleyerhalle bleiben gelassen. Am Dienstag gastierte der Skandal-Künstler in Stuttgart. Seine Europa-Tournee »Meine Welt« liefert den erwarteten Exzess. Alles andere hätte die Fans auch enttäuscht.

»Meine Welt« heißt nicht nur das Programm, sondern auch das erste Lied. Es setzt den Ton für den Abend. Darin heißt es: »Ich zeig dir meine Welt. Ein Ort für verirrte Seelen.« Und das macht Lindemann. Rund 80 Minuten lang entführt er das Publikum in eine düstere Phantasmagorie. Dort schlagen Männerträume um in Horrorvisionen, vermischen sich Sex, Gewalt und Wahnsinn. Das Lied »Fat« zum Beispiel zelebriert den üppigen Körper. Das Begleitvideo zeigt einen Schweinekopf, nackten Schwabbelspeck, Sex zu dritt. Das mag man pervers finden. Aber es ist auch lustig. Hier – wie in vielen Songs – setzt Lindemann auf befreiende Komik. Das Lied endet mit den Zeilen: »Deine Löcher sind schwer zu finden. Das macht nichts. Ich ficke dich von hinten.«

Albtraum-Welt mit Horror-Clown

Diese Welt ist eine Irrenanstalt. Und Lindemann ist der Direktor. Mit Stachelmähne, rußigem Gesicht und in schwarzem Lackleder mit Goldbesatz steht er vor dem Publikum. Seine Kluft ist eine Mischung aus Militäruniform und Zirkusfrack. Wie ein Soldat marschiert er im Takt. Wie ein Zeremonienmeister orchestriert er die Menge. Ganz Bühnenrolle, ganz Kunstfigur. Lindemann zitiert, übertreibt, karikiert. Damit jedem klar ist: Das ist nicht Realität, das ist Fiktion. Denn Kunst darf vieles. Aber darf sie alles?

Die Lindemann-Show hat ihre ganz eigene Ästhetik. Es ist keine klassische Ästhetik des Schönen. Es ist eine widerständige Ästhetik des Grauens, des Ekels, der Zerstörung. Und es ist eine Ästhetik des Epischen, Heroischen, Martialischen. Brutale Gitarrenriffs, wummernde Drums und schrille Elektroklänge verschmelzen zur »Neuen Deutschen Härte«. Diese Musik überwältigt. Das spüren die Fans (meist Männer mittleren Alters). Während Lindemann vorne headbangt, schütteln sie hinten die Fäuste. Wie ein einziger Körper bewegen sich Sänger und Zuhörer.

Narzissmus und Selbstironie

Lindemann als rechts, obszön, krank abzutun, wäre ein Fehler. Denn da sind diese Brechungen, Kippmomente, Kontrapunkte. Sie setzen ein Gegengewicht, schaffen einen Ausgleich. Ein paar Beispiele: Lindemann growlt nicht nur, er kann auch warm und sanft. Das hat etwas Anrührendes – wüsste man nicht, dass der liebe Märchenonkel leicht zum bösen Kinderschreck wird.

Rund 10.000 Menschen besuchten das Lindemann-Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle.
Rund 10.000 Menschen besuchten das Lindemann-Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle. Foto: Steinrücken / GEA
Rund 10.000 Menschen besuchten das Lindemann-Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle.
Foto: Steinrücken / GEA

Oder das Bekenntnislied »Platz 1«: Das lyrische Ich ist – dem Text nach zu urteilen – ein egomanischer Sänger: »Durch die Menge geht ein Raunen. Und die Männer werden staunen. Alle Frauen, alles meins. Alles dreht sich nur um mich.« Doch die Bühnenschau unterwandert den Narzissmus mit Selbstironie: Lindemann schwebt derweil in einer Gummiblase übers Publikum. Der passende Musikclip zeigt ihn in der Rolle eines halluzinierenden Psychiatrie-Insassen. Die Message: Jeder steckt in seiner eigenen Kopf-Bubble fest. Es ist diese Mehrschichtigkeit, die feste Zuschreibungen unterläuft und Raum für Interpretationen öffnet. Das vermag selbst Nicht-Fans halbwegs mit Lindemann zu versöhnen.

Der Schock bleibt aus

Was indes weiter für Unbehagen sorgt, das ist der Row-Zero-Skandal. Junge Frauen warfen Lindemann vor, sie zum Sex genötigt zu haben und beriefen sich dabei auf Drogenkonsum, Altersunterschied und Machtgefälle. Lindemann dagegen betonte die Einvernehmlichkeit. Die Staatsanwaltschaft erkannte kein strafrechtlich relevantes Verhalten und stellte die Ermittlungen ein. Das ist jetzt zwei Jahre her. Seitdem gehen Band Rammstein und Frontmann Lindemann getrennte Wege, sie haben die Zusammenarbeit vorerst auf Eis gelegt und Lindemann arbeitet verstärkt als Solo-Künstler.

Mit dem Skandal geht der 62-Jährige in typischer Lindemann-Manier um. »Jetzt erst recht!«, scheint die Show in Stuttgart zu sagen. Auf der Bühne reiben sich halbnackte Frauen an Gitarren und Stangen, simuliert ein Paar Analsex, zieht ein Travestiekünstler Utensilien (man will gar nicht wissen, was genau) aus der Unterhose und wirft sie in die Menge.

Das Interessante dabei: Der Schock bleibt aus. Verwunderlich ist das eigentlich nicht: Denn wenn in der aufgeklärten Gesellschaft Sex kein Tabu mehr ist, dann sorgt auch der vermeintliche Tabubruch nicht mehr für einen Aufschrei. Die Provokation kann nicht endlos gesteigert werden. Darum nutzt sich das Lindemann-Konzept mit der Zeit ab, wirkt schal und abgeschmackt. Vielleicht lebt Lindemann inzwischen weniger von seiner unerhörten Performance und mehr von seinem Kult-Status. (GEA)