STUTTGART. Es ist eine Stadtbegehung der besonderen Art, die die Stuttgarter Choreografin Christine Chu in Bewegung gesetzt und der Schauspieler Robert Atzlinger mit Texten versehen hat. Ihr »stadt.körper«, untertitelt als »ein Parcours im urbanen Raum«, spielt mitten auf öffentlichen Plätzen, und so trägt einen der witzigsten Aspekte zu der originellen Mischung aus Performance, Tanz und Gesang die Realsatire der ahnungslos mitspielenden Passanten bei.
Eineinhalb Stunden leiten weisen uns fesche Stadt-Stewardessen durch die fünfzehn Stationen in und um das Stuttgarter Rotebühlzentrum. Vom Foyer geht es hinab in die U-Bahn-Station, wo durch einen ungeplanten Stopp der Rolltreppe gleich mal das halbe Publikum durcheinanderpurzelt, bevor Tänzer in der düsteren Tiefgarage gegen die riesigen Betonpfeilern anrennen, auf denen der Treffpunkt Rotebühlplatz ruht.
Vom Müllcontainer in die Alpen
Auf der Rotunde in der City-Plaza sorgen zwei ahnungslose Polizisten für Spannung, bevor uns die zahlreichen Mitwirkenden ihr elegantes Spiegelfechten mit dem Fahrkarten-Stempelautomaten vorführen, das Christine Chu für sie choreografiert hat. Mit dem Megaphon werden mitten auf der Rotebühlkreuzung grundlegende Begriffe wie Straße oder Fahrbahn hinterfragt, von der roten Metallskulptur herab doziert kauzig der Conferencier des Abends über die Erwärmung der Stadt gegenüber ihrem Umland. Auf magische Weise taucht an sämtlichen Stationen ein rotes Drahtsofa samt buddhistisch in sich ruhender Insassin auf, mal läuft ein buchstäblich kopfloser Mann durchs Bild, aber vor allem staunen überall irritierte Passanten, die durch die Kunst aus ihrer täglichen Bahn gebracht wurden. Manche tragen auch munter Aspekte ihres ganz eigenen Kulturkreises zur Performance bei, indem sie »Ballack!« aus dem fahrenden Auto ins Publikum brüllen.Im völlig dunklen Theaterraum des Rotebühlzentrums sitzen wir dann plötzlich in magischer Stille, bevor die offene Architektur des Hauses mit ihren Treppen und Übergängen raffiniert bespielt wird: Da eilt eine hurtige Fußgängerpolonaise treppauf, treppab, da wird im Aufzug Tischtennis gespielt und Ski gefahren, unter uns sehnt sich ein Mädchen aus dem Müllcontainer nach den Alpen.
Wunderbar absurdes Liebeslied
Vorbei an Vitrinen mit »Stadt-Teilchen«, sorgfältigen Sammlungen von Kronkorken oder plattgefahrenen Fröschen, geht es immer weiter hinauf, wo diese äußerst sinnliche, einfallsreiche Performance nach einem wunderbar absurden Liebeslied an die Großstadt zu Ende geht: vor einem Panorama des Stuttgarter Lichtermeers. Weitere Aufführungen gibt es vom heutigen Freitag, 11. September, bis Sonntag, 13. September, jeweils um 19 Uhr. (GEA)0711/1 87 38 04 www.treffpunkt-rotebuehlplatz.de
