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Liebe zwischen Colts und Koyoten

STUTTGART. In der Liebe ist es doch so: Man mag jemanden schon sehr. Plötzlich öffnet sich derjenige und zeigt noch mehr von sich. Etwas Neues, bislang Verborgenes, vielleicht Unerwartetes. Was macht ein Liebender da (zumindest wenn das Neue nicht blöderweise scheußlich ist)? Man ist angerührt, empfindet neue Nähe, es wächst mehr Liebe.

Bela B, Drummer der Ärzte, liebt Comics und Spaghetti-Western.
Bela B, Drummer der Ärzte, liebt Comics und Spaghetti-Western. Foto: dpa
Bela B, Drummer der Ärzte, liebt Comics und Spaghetti-Western.
Foto: dpa
Etwas ähnlich Romantisches hat sich am Dienstagabend in Stuttgart abgespielt, wenn auch getarnt durch Gelächter und coole Posen. Knapp 1000 Menschen, die Bela B eh schon ziemlich lieben (er ist langjähriges Mitglied der Band »Die Ärzte«), kamen im Theaterhaus zusammen. Dort konnten sie ihren Bela in vergleichsweise kleinem Rahmen treffen und eine neue Facette des Mittfünfzigers kennenlernen.

Sheriff und Deputy tot

»Sartana – Noch warm und schon Sand drauf« heißt das Projekt, das sich an einen trashverdächtigen Spaghetti-Western aus dem Jahr 1970 anlehnt. Der Punkrocker versammelt dafür Könner: die entspannte Band Smokestack Lightnin', Sängerin Peta Devlin und den mit Tausendsassa nur unzulänglich beschriebenen Soundeffekt- und Stimmartisten Stefan Kaminski. Zusammen verwirklichen sie Sartana als Live-Hör-Comic aus Szenen, Musik und eingeblendeten Zeichnungen. Eine Hommage an den Spaghetti-Western und eine Wiederauferstehung eines, nun ja, Kulturerbes – zumindest für einen Abend.

Es fehlt an nichts. Colts gibt es in allen Größen, sie kriegen possierliche Namen wie »Bohnenschleuder«, »Engelmacher« oder »dieser gepflegte Menschenlocher«, und Bela B alias Sartana lässt sie ausführlich an seinem Zeigefinger kreisen. Eine Lady in ausladenden Kleidern muss ein bisschen gerettet werden. Sheriff und Deputy sind irgendwann beide tot, der Bänker betrügt und der Typ im Casino sowieso.

Die abgeknallten Gangster stapeln sich, Koyoten heulen, Türen quietschen, vorbeifahrende Leichenwagen knarren. Und die Macho-Sprüche, die der für Szenekenner ebenfalls kultige Rainer Brandt in den 1970ern für die deutsche Fassung jenes Westerns getextet hat, fegen wie tanzende Rumpelstilzchen über heutige Gender-Korrektheiten hinweg.

Sprechsingender Star

Was für ein Riesenulk. Vor allen Dingen und offensichtlich für Bela B, der die Bühnenzeit genießt und seine gelegentlichen Fehlerchen vergnügt zelebriert. Er ist hier mit Abstand der Semiprofessionellste, wäre vielleicht gar als Schwachstelle auszumachen, selbst über seine Art zu sprechsingen müsste man mal reden – wenn, ja wenn es denn überhaupt um die Inszenierung ginge. Also: nein.

Es ist einfach Liebe, und die muss man ja nicht totquatschen. Sie gilt beim anfänglichen Applaus noch vor allem Bela B. Am Ende des Abends wogt sie verstärkt Mister Soundeffekt alias Stefan Kaminski entgegen. Völlig verdient, denn er hat gefühlt 92 Prozent des Abends bestritten, und zwar genial. Liebe macht gar nicht so blind. (GEA)