LEIPZIG. Wenn Fledermausohren und Engelsflügel zur Grundausrüstung gehören, ist Leipziger Buchmesse. Denn die bildet mit der eineinhalb von fünf Hallen belagernden Manga-Comic-Con eine Einheit - noch bis diesen Sonntag. Samt Feen, Kriegern, Zauberinnen, Drachen und Werwölfen. Drei Monate hat Cindy Irgang aus Oelsnitz im Erzgebirge an ihrem Kostüm der geflügelten Emily aus der Animationsserie »Hazbin Hotel« gefeilt.
Standen bis vor ein paar Jahren noch die Charaktere weniger Manga- und Fantasy-Klassiker im Zentrum, hat sich die Sache stark verästelt. Heldinnen und Helden aus Comic, Manga, Trickfilm, Computerspielen oder Youtube-Serien - alles ist da. Manches auch frei erfunden wie der Drache mit den auffaltbaren Flügeln von Michelle aus Dinkelsbühl.
Lesenacht mit jungen Autoren
Die Manga- und Comicwelt boomt. Der Rest der Buchwelt auf den ersten Blick auch. Junge Autoren stehen in den Startlöchern, so bei den Leipziger Lesenächten in der Moritzbastei. Die Provinz ist für viele von ihnen ein Thema. Domenico Müllensiefen erzählt in »Schnall dich an, es geht los« mit Humor vom Frust der Arbeiterschicht in einem Dorf in der Altmark hinter Magdeburg, wo er herkommt. Kristina Schilke stellt eine Kleinstadt in Bayern ins Zentrum, in der so wenig los ist, dass sich drei junge Partygäste fragen, ob es auffallen würde, wenn man nachts nackt um den Marktplatz läuft.
Junge Autoren auch auf der Buchmesse selbst. Gleich zur Eröffnung am Donnerstagmorgen wird in Halle 4 der Prix Premiere verliehen, vom Institut Français mit dem Institut Culturel Franco-Allemand in Tübingen. Die junge Deutsch-Französin Raphaëlle Red hat ihn gewonnen für ihren Roman »Adikou«, mit ihrer Übersetzerin Patricia Klobusiczky. Adikou, Tochter einer Französin und eines Togolesen, sucht in den USA und in Togo nach ihren schwarzen Wurzeln.

Dabei verschwimmen Traum, Realität und Erzählperspektiven. Was die Sache für Übersetzerin Klobusiczky heikel machte. In enger Abstimmung mit der Autorin, die ebenfalls in Berlin lebt, übertrug sie das Buch aus dem Französischen. Diese sagte dem GEA, das Schweben zwischen Erzähl- und Realitätsebenen solle das Mehrdeutige von Adikous Identitätssuche hervorheben. »Es ist mein erster Preis!«, jubelte sie - dafür hatte sie sich trotz des Vormittags in glitzernde Abendrobe geworfen.
Kleinverlage in der Klemme
Skepsis beim Metzinger Autor Walther Stonet: Er denkt, dass bald Romane von KI erzeugt und vom »Autor« nur noch redigiert werden. Er sei sogar sicher, dass das bereits jetzt passiere, sagte er am Messestand der Krimiautoren-Vereinigung »Syndikat«. Zudem werde der Buchhandel immer mehr von wenigen Playern wie Osiander oder Thalia beherrscht. Was die kleinen Verlage in die Bredouille bringe, die zwischen diesen und den Selfpublishern klemmten.
Was also tun als Kleinverlag? Simone Härter bringt mit ihrem Reutlinger Härter-Verlag vermehrt Kochbücher mit Influencerinnen heraus. Sabrina Schettler und Christina Grimm mit dem Kochbuch »Bistro@Home« gehören dazu. Die beiden jungen Frauen haben 2021 eher zufällig eine Backaktion auf Instagram gestellt - und seither so viele Anhänger gewonnen, dass sie eine eigene Firma gründen konnten. Buchprodukt und Präsenz auf den Sozialen Medien befördern sich gegenseitig.
Der Münchner Krimiautor Georg Brun, der bei der Reutlinger Kriminacht dabei war, ist von der Kleinverlag-Problematik ebenfalls betroffen. Der Verlag Bookspot, bei dem er publizierte, macht dicht, der Verleger ist Mitte 70 und hat keinen Nachfolger. Doch Brun hat beim noch jungen Kirchheimer Verlag Sparkys Edition eine neue Bleibe gefunden. Dessen Betreiber Hubert Romer sieht das Problem: Die großen Buchhandelsketten würden vor allem die Titel der großen Buchverlage auslegen. Er sieht jedoch die Chance, durch kreative Eigenaktionen Kunden zu finden - etwa durch Lesenächte. Die kleinen Verlage seien wichtig für die Vielfalt in der Literatur. »Young Adult«-Romanzen könnten nicht alles sein.
Spezialisiert auf Historienromane
Auch die in Reutlingen geborene Biggi Rist, die bei Bremen lebt, publiziert in einem kleinen Verlag, dem Gmeiner-Verlag. Unter dem Pseudonym Johanna von Wild hat sie sich auf historische (Liebes-)Romane spezialisiert. Ihr aktueller, »Zauber der Edelsteine«, führt ins Milieu der Edelsteinschleifer zur Renaissancezeit. Die Problematik der Kleinverlage ist ihr bewusst: »Das ganze Selfpublishing schwemmt den Buchmarkt voll, ohne jedes Lektorat.« Bei den großen Buchhandelsketten zu landen, sei schwierig.
Unterkriegen lässt sie sich davon nicht: »Ich kann einfach nicht aufhören!«, lacht sie. Den nächsten Band hat sie schon in Arbeit. Er dreht sich um Sibylla von Anhalt, Ehefrau von Friedrich I. von Württemberg am Ende des 16. Jahrhunderts. Solange noch Fantasie sprüht, bei Autoren, Lesern, Verlagen, Cosplayern, ist Hoffnung für die Zukunft. (GEA)