REUTLINGEN. Drei Männer betreten lässig die Bühne und entfesseln einen Wirbelsturm. Die britische Band Van der Graaf Generator gibt am Mittwochabend ein lange aufgeschobenes Konzert ihrer Tournee »50 Years of Being Different« – und aus dem 50 Jahren sind unversehens, pandemisch, 52 Jahre geworden.
Peter Hammill, der Sänger, Keyboarder, Gitarrist der Band, erklärt sich früh an diesem Abend: Autogramme, einen Merchandise wird es beim Konzert nicht geben, die Band möchte Risiken meiden – »Covid is not over«, sagt Hammill. Das mag für den einen oder andren Fan eine Enttäuschung sein – das Konzert der Gruppe, die sich 1967 in Manchester gründete und 1970 ihr zweites Album, ihr erstes großes Meisterwerk (»The Least We Can Do Is Wave To Each Other«) veröffentlichte, ist es nicht.
Van der Graaf Generator bestehen heute aus Hammill, dem Organisten Hugh Banton, dem Schlagzeuger Guy Evans. Hammill und Banton sind längst ergraut, Evans trägt seit jeher Glatze. Bis ins Jahr 2005 gehörte der Band zudem der Saxofonist David Jackson an – nur beim letzten Van-der-Graaf-Studio-Album der 1970er-Jahre fehlte er. Jacksons Saxofon, das mit brachialer Gewalt über die komplexen Rhythmen der Musik hereinbrach, sich zum irren Aufschrei steigerte, sich am Klang von Hugh Bantons Orgel rieb – das war der Van-der-Graaf-Sound. Dazu das Spiel eines Schlagzeugers, der mit manischer Energie ungerade Takte in Szene setzt und scheinbar kein Rhythmusmuster je auf die selbe Weise spielte. Und Peter Hammill: Groß, hager, mit einer Stimme, die selbst David Jacksons Spiel in den Schatten stellte – oft genug zart, geradezu feminin, dann in wildem Furor. Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, bewunderte Hammill, der Punk den Progressive-Rocker.
Großes Kino
Van der Graaf Generator erzählten mit ihrer Musik Geschichten – von Kriegern, Leuchtturmwärtern, die in die Apokalypse starren, von vergreisten Unsterblichen, Solipsisten, verlorenen Sternenfahrern und Reisen durch Raum und Zeit – düster, episch, oft genug beängstigend. Großes Kino, Schauergeschichten, Weltraumopern, wunderbare Liebeslieder und Meditationen. Und sie stießen ihre Hörer immer wieder zurück in den Malstrom ihrer Musik.
Als die Band zuletzt in der Region gastierte, am 3. April 2007 im Stuttgarter Theaterhaus, hatte David Jackson sich soeben verabschiedet, Van der Graaf Generator spielten vor allem Stücke älterer Alben, passten ihre Arrangements der neuen Besetzung an.
Im franz. K nun hört man nur wenige der alten Stücke, und nur solche, die seit jeher stärker von Hammills Gitarre mit ihrem schmutzigen, reißenden Sound bestimmt waren – »Masks« und das umjubelte »Meurgly III«, beide von »World Record«, 1976, »The Scorched Earth« von »Godbluff«, 1975. Mit »The Black Room« findet sich das Stück eines Hamill-Solo-Albums im Set; ein deutlicher Schwerpunkt ist »Do Not Disturb«, das letzte Studio-Album der Band. Und immer zeigt sich: 50 Jahre mögen vergangen sein, aber die Kraft, die Energie, die Visionen sind noch nicht verblichen. (GEA)

