KUSTERDINGEN. Freude und Erleichterung ist zu spüren im Kulturhaus beim Klosterhof beim Neujahrskonzert am 6. Januar. Freude darüber, dass Jürgen Soltau wieder da ist. Einer Bluterkrankung wegen hatte sich der Bürgermeister und AK-Kunst-Mitstreiter im September einer Stammzellen-Transplantation unterziehen müssen. Und war danach lange gezwungen, jede Infektionsquelle zu meiden. Zum ersten Mal konnte der Rathauschef sich nun wieder unter Leute begeben, wenn auch vorsichtshalber noch mit Schutzmaske.
Soltau wirkt fit und guter Dinge, die Therapie hat angeschlagen. Dennoch war für ihn die Erkrankung Anlass, auf eine weitere Kandidatur bei der demnächst anstehenden Bürgermeisterwahl zu verzichten. »Ich möchte nicht vom Rathaussessel direkt auf den Friedhof wechseln«, gibt er zu Protokoll. Dafür habe er noch zu viel anderes vor.
Rück- und Ausblick
Sein kurzer Rück- und Ausblick macht klar: Es geht was in der Härtengemeinde. Und ganz weg war der Schultes nie, blieb über den Laptop auch im Krankenbett informiert, wie er erzählt. 2025 hat man 50 Jahre Kusterdingen als Sammelgemeinde gefeiert, Gäste aus der französischen Partnergemeinde Venansault empfangen. Das neue Feuerwehrhaus ist in Betrieb, ein neues Pflegeheim samt betreutem Wohnen kurz vor der Fertigstellung. Für die anstehende Erweiterung der Härtenschule mit Mensa hat man zum Jubel des Publikums 3,6 Millionen Fördermittel vom Bund an Land gezogen.
Man hat also Grund, fröhlich zu feiern im ausverkauften Saal, man tut es auch. Mit einem Programm, in dem sich treibender Jazz und meditative Klassik in bewusstem Kontrast abwechseln. Für die Jazzbeiträge sorgen Reinhold Uhl mit energetisch ausgreifenden Saxofonlinien, Horst Götz mit locker pulsierendem E-Bass und Wieland Braunschweiger mit knackig akzentuiertem Schlagzeug. Den Gegenpol setzt Susanne Götz am Flügel mit ruhigen Stücken Bachs.
Feier des Nonsens
Zwischendurch tritt Tonne-Schauspieler David Liske auf die Bühne, seinerseits einer mit Wurzeln in Kusterdingen. Mit Texten der Pianisten-Ikone Alfred Brendel begibt er sich auf Spurensuche nach der Dada-Bewegung, die vor hundert Jahren die Rettung der Welt durch die Feier des Nonsens erträumte. Mit Erich Kästner fragt er sich, was denn Glück sei, mit Kurt Tucholsky, wie man richtig und falsch reist. Einen Rabbiner lässt er seinen Schülern erklären, wann genau der Moment des Tagesanbruchs ist – dann nämlich, wenn sich zuvor Verfeindete endlich die Hand geben. Liske gibt diesen Szenen eine unaufdringliche und doch sehr einnehmende Präsenz.
Was den Jazz betrifft, ziehen viele Eigenkompositionen vorüber: »Square socca«, »Cinnabar Ellipsoid« oder »Seven to Four« von Götz, »Three Times Four« oder »First Love Song« von Uhl. Es ist Musik, die munter vorangeht, sich auch mal fröhlich in krumme Rhythmen wirft, mäandert und zuckt, hier und da abrockt, aber nie zu grob. Susanne Götz füllt die ruhigen Bach-Stücke mit Wärme und innerem Leuchten: ein Largo aus seiner Violinsonate C-Dur, die Chaconne d-Moll BWV 1178, original für Orgel, und ein berührend zart perlendes Adagio aus dem Oboenkonzert d-Moll.
Alles mischt sich
Und dann mischen sich doch die Sphären, schmiegt sich in ein Bach'sches Orgel-Allegro in Klavierversion Schlagzeuger Braunschweiger mit seiner Rhythmik. In einer »Gnossienne« von Erik Satie gesellt sich Uhl an der Klarinette zum sanft atmenden Seufzen der Motive am Flügel. Am Ende vereinen sich alle zu Astor Piazzollas Sehnsuchtsstück »Oblivion«, sehr bewegend. Und eine Zugabe gibt's auch noch, wieder mit allen, im Dreiertakt dahinschwingend, und schließlich mit David Liske als Sänger. (GEA)


