REUTLINGEN/STUTTGART. Der zweite Corona-Winter hat die Kulturszene noch mal schwer erwischt. Während die Theater spielten und von der Klassik zumindest einiges übrig blieb, traf es die Pop-Branche hart. Trotz staatlicher Hilfen hagelte es Absagen und Verschiebungen. Nun jedoch scheint Land in Sicht, im März und vor allem April füllen sich die Konzertkalender, werden auch wieder Shows in den großen Hallen angesetzt. Der GEA hat sich bei Popveranstaltern in Reutlingen, Tübingen und Stuttgart umgehört, wie die Stimmung ist.
Der Tenor: Man hofft, dass am 20. März die meisten Beschränkungen fallen, sieht sich damit aber noch nicht überm Berg. Denn erstens muss das Publikum auch wieder kommen. Zweitens dürften die finanziellen Auswirkungen der Pandemie die Veranstalter noch über Monate begleiten. Und drittens schiebt man eine Welle von Nachholkonzerten vor sich her, was es schwierig macht, Neues zu platzieren. Lob gibt’s für die staatlichen Corona-Beihilfen – ohne die wäre es für viele Veranstalter ein Desaster geworden.
- franz.K, Reutlingen
Der größte Unterschied im Vergleich zum Jahresbeginn sei, »dass wir für sehr gut verkaufte Veranstaltungen nicht mehr in erster Linie nach Verschiebeterminen Ausschau halten, sondern dass wir ihre Umsetzung planen können«, sagt franz.K-Vorstand Andreas Roth. Die Verschiebungswelle reiche bis ins Frühjahr 2023 und mache einiges an neuem Programm »schlicht terminlich unmöglich«. Man rechne damit, dass spätestens zu Beginn der warmen Jahreszeit keine Kapazitätseinschränkungen mehr gelten werden. »Entsprechend konnten wir wieder ein umfangreiches Programmheft in Druck geben, ohne befürchten zu müssen, dass niemand den Angaben dort vertrauen kann, weil die Termine so wacklig sind.«
Finanziell ist das franz.K ohne Schieflage durch die letzten Monate gekommen. »Wir haben viele Projektanträge gestellt und tatsächlich alle bewilligt bekommen«, freut sich Roth. Der Echaz-Hafen habe dem Kulturzentrum im Sommer zudem spürbare Zusatzeinnahmen beschert. Ohne die Ehrenamtlichen vom franz.K-Kulturverein, betont Roth, wäre ein Weiterbetrieb des franz.K dabei nicht möglich gewesen.
Das Publikum kehrt Roth zufolge wieder zurück. Man habe deutlich gestiegene Vorverkaufszahlen. Dabei konzentriere sich das Interesse spürbar auf die bekannten Namen. »Ein nicht geringer Teil unserer Arbeit ist jedoch ›Schatzsuche‹, also spannende junge und neue Künstler*innen aufzutun und ihnen eine Bühne zu geben.« Die Lust am Entdecken und am Experiment sei leider zurückgegangen, »was allerdings erwartbar war und ist«.
- SBEntertainment, Reutlingen
»Aktuell ist bei internationalen Konzerten nicht klar, ob die Bands kommen können«, sagt Stefan Buck, Geschäftsführer von SBEntertainment in Reutlingen. Die unterschiedlichen Einschränkungen in Deutschland und Europa machten ein planbares Touring nicht möglich. »Wir mussten daher ein fast ausverkauftes Konzert von Status Quo am 20. März in Karlsruhe absagen.« Die ganze Tour sei abgesagt worden. Angehen können Buck und Kollegen dagegen etwa die Open-Air-Auftritte von Johannes Oerding beim Tübinger Sparkassen-Carré (17. Juli) und der Spider Murphy Gang (26. August) im Naturtheater Hayingen.
Besonders die kurzfristigen Änderungen vor Weihnachten mit der Reduzierung auf maximal 500 Zuschauer bereiteten dem Veranstalter Kopfzerbrechen. So hatte man in der Reutlinger Stadthalle zum Jahresende mit Dodokay noch eine Begrenzung von 750 Zuschauern vorgesehen. Man sah sich zu einer Absage der Veranstaltung gezwungen, da bereits zu viele Karten verkauft waren. »Das hat uns besonders wehgetan und war nicht die einzige Veranstaltung, bei der wir so vorgehen mussten«, erklärt Buck.
Nachdem SBEntertainment kurz nach Beginn der Krise die Mitarbeiter fast 15 Monate lang in Kurzarbeit schicken musste, arbeiten seit September 2021 wieder alle zu 100 Prozent. »Die gezielten Hilfen haben uns geholfen, die Zeit gut zu überstehen.« Vom bisherigen Publikumszuspruch sei man aufgrund der weiter bestehenden Unsicherheit noch ein gutes Stück entfernt. Dennoch bleibt Buck zuversichtlich, »bald wieder ohne Einschränkungen unsere Zuschauer begeistern zu dürfen«.
- Sudhaus, Tübingen
»Wir freuen uns, dass es jetzt Öffnungsschritte gibt«, sagt Sudhaus-Geschäftsführer Adalbert Sedlmeier. Doch hätten einen die vergangenen zwei Jahre vorsichtig gemacht. »Man verweigert sich die Euphorie«, bringt er die Stimmung auf den Punkt. 20 bis 30 Prozent der angesetzten Veranstaltungen seien Nachholtermine. Mittlerweile gebe es auch vonseiten der Agenturen wieder mehr Anfragen und für das Sudhaus-Publikum in den kommenden Monaten mehr Programm. Rock mit Keimzeit (29. April), Jazz-Blues-Folk mit dem Bill Frisell Trio (6. Mai) oder Rap mit Casper (8. Mai) stehen beispielsweise an. Im Sommer bietet die Waldbühne mit im Frühjahr 2021 eingerichteter Sitztribüne für nochmals 400 Besucher erweiterte Möglichkeiten, die man nutzen will.
Die Corona-Hilfen hätten gut funktioniert und würden wohl auch weiter gebraucht. In der Gastronomie ist man im Sudhaus derzeit noch in Kurzarbeit. Nicht so im Verein, wo man »mit Volldampf ins Sommerprogramm« gehe. Zuletzt band die Rückabwicklung von Veranstaltungen vergleichbar viel Arbeitskraft, als führte man sie durch. Insgesamt denkt Sedlmeier, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis das Publikum wieder so strömt wie 2019. Er rechnet eher damit, dass es zum Teil »fast wieder ein bisschen an die Kultur gewöhnt werden muss«.
- SKS Russ, Stuttgart
Der Stuttgarter Veranstalter SKS Russ konnte seine Klassikreihen im Winter weitgehend halten, wie Geschäftsführerin Michaela Russ sagt. Hart traf es hingegen die Pop-Sparte des Veranstalters. Eines der wenigen Pop-Events des (Corona-)Winters war das Musical »We Will Rock You« mit sieben Aufführungen an sechs Tagen in der Porsche-Arena, wie Paul Woog berichtet, bei SKS Russ für die Popsparte zuständig. »Da hat man gesehen, die Leute haben Lust auf Konzerte.« Jede Aufführung sei auf 2 000 Besucher limitiert gewesen, 11 000 hätten insgesamt die Shows verfolgt.
Jetzt hoffe man, dass am 20. März die meisten Beschränkungen fallen. Es werde wohl nicht gleich so wie früher, aber bis Sommer kann sich Woog eine Normalisierung vorstellen. Die Frage sei, wie der Winter wird. »Wir müssen vorbereitet sein, dass es da nicht wieder aufploppt.«
Die Welle an Nachholkonzerten sei ein Problem, so Woog. Es sei schwer, Termine für neue Produktionen zu finden. Der Kostendruck sei hoch, die Nachfrage im Moment noch spürbar geringer. Statt Corona drücke nun der Krieg in der Ukraine auf die Stimmung.
Dennoch ist Woog sicher: »Es wird ein fantastisches Konzertjahr, die Menschen wollen wieder was erleben!« Highlight dieses Jahr soll eine Open-Air-Serie auf dem Cannstatter Wasen im Juli werden, wofür eigens eine riesige Tribüne gebaut wird – als Ersatz für die Mercedes-Benz-Arena, die derzeit für die EM ertüchtigt wird. Die Open-Air-Location, die 50 000 Besucher fassen soll, bespielen neben SKS Russ auch die Stuttgarter Veranstalter Music Circus und Chimperator. Angesagt sind Superstars wie Iron Maiden, Kiss, Eric Clapton, Judas Priest, die Scorpions, Rammstein, die Toten Hosen und die Fantastischen Vier.
Die Konzentration hin zu den ganz großen Playern habe in der Pandemie noch zugenommen, so Woog. Das Risiko sei höher geworden, weil keine Versicherung mehr Policen gegen Pandemierisiken anbiete. Und die Tickets seien 20 bis 30 Prozent teurer geworden – auch wegen des Personals, das kaum noch zu finden sei. In der Pandemie hätten sich viele Bühnentechniker neue Jobs gesucht. So richtig werde man die finanziellen Auswirkungen erst nach der Pandemie spüren, wenn die staatlichen Hilfen wegfallen, die Woog im Übrigen gut findet.
- Theaterhaus, Stuttgart
Den zweiten Corona-Winter hat Theaterhaus-Intendant Werner Schretzmeier als »mittlere Katastrophe« erlebt – Absagen hagelte es, ganze Tourneen fielen flach. Man habe versucht, dem Publikum trotzdem was zu bieten und sei froh gewesen, wenn man am Ende auf null rauskam. Die Corona-Töpfe lobt Schretzmeier. Das Theaterhaus habe von der Kurzarbeitsregelung profitiert, von Überbrückungshilfe und von Hilfen der Stadt.
Die Leute hätten jedoch immer noch kein Vertrauen. Ausverkaufte Konzerte seien im Moment selbst unter den Corona-Bedingungen (derzeit erlaubt: 60 Prozent Belegung) die Ausnahme. Die Menschen hätten immer noch eine Scheu vor Ansammlungen und großen Mengen.
2021 hat man am Theaterhaus 50 000 Besucher gezählt – ein Sechstel der vor der Pandemie üblichen 300 000 pro Jahr. Nun hofft Schretzmeier, dass vom 20. März an die Säle wieder voll belegt werden dürfen. Bis Publikum wieder normal strömt, könne es aber Sommer werden.
Um Gedränge im Foyer zu vermeiden, hat man die Theaterhaus-Jazztage entzerrt und auf zehn Tage vom 10. bis zum 20. April gestreckt. Mehr Konzerte seien es deshalb nicht. Teils sind es Künstler, die bei den Jazztagen im Frühjahr 2020 auftreten sollen. Damals hatte man bereits 5 000 Karten verkauft, als drei Wochen vor Festivalstart der Lockdown kam.
Jetzt ist man froh, wenn man mit einem blauen Auge davonkommt. Zumal die Ukraine-Krise auch auf die Konzertlaune drückt, wie Schretzmeier beobachtet. Immerhin glänzt das Festival mit Vielfalt und großen Namen: Jan Garbarek macht den Auftakt, das Tingvall-Trio oder Jasper van’t Hoff kommen; Schauspieler Matthias Brandt ist mit einem Jazz-Leseprogramm da; das Frank-Dupré-Trio spielt Stücke ukrainischer Komponisten und spendet den Erlös aus dem CD-Verkauf für die Ukraine.
- Vaddi Concerts, Tübingen/Freiburg
Auch Vaddi-Geschäftsführer Marc Oßwald hofft, dass am 20. März die Beschränkungen fallen. Für den Sommer ist er optimistisch, »ich befürchte aber, dass uns die Pandemie im Herbst wieder beschäftigen wird«. Mit Neid blickt er in die Schweiz, wo die Corona-Beschränkungen einiges weniger streng waren. Die staatlichen Hilfen seien in Deutschland vorbildlich, auf Sicht »wollen wir als Veranstalter aber nicht vom Staat leben«.
Für Sommer erhofft sich Oßwald ein »Feiern ohne Masken, vielleicht mit 2G plus«. Auch er spürt eine Zurückhaltung beim Publikum, im Moment noch verstärkt durch die Ukrainekrise, »das Thema überlagert im Moment alles«. Mit Sorge sieht er Kostensteigerungen beim Personal und Material. Bühnentechniker und Caterer seien abgewandert; der Preis für Aluminium, etwa für Einlassgitter oder Bühnengerüste, habe sich verzehnfacht.
Hoffnung mache, dass das Southside-Festival bereits ausverkauft gemeldet hat. Auch Oßwald ringt mit einem Berg an Nachholkonzerten. »Vorläufig gibt es für neue Ideen kaum Termine.« Ob man es schafft, bis 2023 den Berg abzuarbeiten, hänge davon ab, ob es im Winter noch mal Beschränkungen gibt.
Das Highlight im Vaddi-Programm aus Oßwalds Sicht ist Nick Cave Anfang August in Rastatt. Der australische Pop-Melancholiker gibt nur äußerst sparsam Konzerte. Breitere Schichten dürfte eine Serie im Juli auf dem Balinger Marktplatz ansprechen. Da sind Roland Kaiser, Santiano und Max Giesinger als Nachholkonzerte zu erleben. Neu hinzu kommen Auftritte von BAP und Lea. (GEA)

