REUTLINGEN. Jeder hat etwas beizutragen, ob mit oder ohne Handicap. Das ist der Grundgedanke des Festivals »Kultur vom Rande«, und gleich der Eröffnungs-Samstag demonstrierte hautnah, dass das quicklebendige Realität ist. Da schmetterte am Samstagmorgen auf dem Marktplatz und am Nachmittag vor dem Festivalzelt im Bürgerpark die britische Truppe »MiXiT« ihre Popsongs mit einer förmlich überbordenden Lebenslust ins Weite.
So viel Spaß kann Kultur machen: Die Gruppe MiXiT aus Stanley in Großbritannien bei ihrem energiegeladenen Auftritt mit fetzigen Popsongs. Die Aufschrift auf dem T-Shirt trifft den Festivalgeist: »Ich bin nicht eine von DENEN, ich bin eine von UNS!« Foto: Markus Niethammer
So viel Spaß kann Kultur machen: Die Gruppe MiXiT aus Stanley in Großbritannien bei ihrem energiegeladenen Auftritt mit fetzigen Popsongs. Die Aufschrift auf dem T-Shirt trifft den Festivalgeist: »Ich bin nicht eine von DENEN, ich bin eine von UNS!«
Foto: Markus Niethammer
Da machte das Duo Flossie & Jet vom Hinjinx-Theater aus Cardiff den Marktplatz mal kurz zur Wohnstube und lud eine nichts ahnende Passantin zum Tee.In beiden Fällen lag gerade im Zusammentreffen ganz unterschiedlicher Perspektiven der Reiz. Da wird bei MiXiT der Refrain mal gesäuselt, mal rockig gerotzt; da zelebriert jede der beiden Hijinx-Akteurinnen die Teestunde auf ihre je ganz eigene Weise - und macht das Publikum in Gestalt der einbezogenen Mitspielerin zum Komplizen. Auch nachmittags bei der offiziellen Eröffnung im Festivalzelt lautet der Kerngedanke: Irgendwie hat jeder ein Handicap, gerade die dadurch bedingte Vielfalt der Sichtweisen macht das Leben bunt. »Ohne die Krücken hätte dem Tanztheater doch etwas gefehlt«, bringt es die Landesbehindertenbeauftragte Stephanie Aeffner in ihrem Grußwort auf den Punkt. Ja tatsächlich, das Tanztheater »Elevator«, ebenfalls vom Hijinx-Theater, bekommt gerade dadurch eine besondere Poesie, dass eine Akteurin unter den fünf Tänzern sich nur an Krücken fortbewegen kann - das aber sagenhaft geschmeidig und akrobatisch. Mit fahrbaren Stellwänden simulieren die fünf eine Fahrstuhl-Situation, aus der heraus sich immer neue Begegnungen, Berührungen, Interaktionen ergeben. Wunderbar, berührend und höchst kunstvoll ist das umgesetzt.Ohne Krücken wäre auch die akrobatische Breakdance-Nummer von Dergin Tokmak seiner Wirkung beraubt. Unter dem Künstlernamen Stix wirbelt der Augsburger auf seinen gestreiften Stützen wie auf einem Hochleistungs-Turngerät. Er setzt sie als Flügel, Signalgeber und Gitarre ein und erreicht dabei eine artistische Furiosität, die sprachlos macht.Auch das Bochumer Jazzsextett »Walking On The Moon« hat solche Vielfalt der Perspektiven parat. Bastian Ostermann, im Alltag durch autistische Symptome gehandicapt, wandelt sich auf der Bühne zum lässig croonenden Entertainer. Anna Reizbikh ist eine ganz spezielle Femme fatale, wenn sie sich in ihrem roten Kleid in ihrem Rolli im Takt der Musik wiegt und mit kraftvoll-samtiger Stimme die Töne streichelt. Und zwischen beiden tanzt Milli Häuser wie ein Derwisch herum. Ihre Behinderung sei ein wichtiger Teil ihrer Identität, sagt Behindertenbeauftragte Aeffner, die selbst im Rollstuhl sitzt. Es ist die Gabe dieses Festivals, so viele Identitäten in ihrem schöpferischen Elan zu vereinen. Was schon mit den beiden Erfinderinnen und nach wie vor rastlos regen Köpfen des Festivals anfängt, den Schwestern Elisabeth Braun, ehemals Professorin für Sonderpädagogik der PH Reutlingen-Ludwigsburg, und ihrer Schwester Rosemarie Henes vom inklusiven Aktionsverein Baff.
Verdienstmedaille für Braun
Wohl der Stadt, die zwei solch gewitzte Querdenkerinnen in ihrer Mitte hat, daran ließ OB Barbara Bosch keinen Zweifel - und überreichte der völlig verblüfften Elisabeth Braun als Überraschung die Verdienstmedaille der Stadt. Braun akzeptierte die Ehrung nur als Würdigung all der anderen, die mit ihrem Einsatz das Festival möglich machen - und nur, wenn sie als Zusage auch künftiger kräftiger Unterstützung für die Stadt zu werten sei. Was Bosch ohne zu zögern zusicherte.Anstelle von Grußworten hatten die Veranstalter ein inklusives Reporterteam zu den Repräsentanten der Träger und Förderer des Festivals geschickt. Franziska Schiller und Harald Sickinger befragten ihre Gegenüber dabei so entwaffnend geradeaus, dass diesen nichts übrig blieb, als ebenso geradeaus zu antworten. Die Interviews wurden als Videos eingeblendet, und so sah man da etwa Festival-Schirmherrin Carmen Würth von der Würth-Stiftung in einem inklusiven Chor singen. Ihre Botschaft: »Jeder von uns kann etwas dazu beitragen, dass unser Leben gemeinschaftlicher wird!«Mit Professor Wolfgang Mack, dem Dekan der Fakultät für Sonderpädagogik der PH Ludwigsburg, begaben sich die Reporter auf einen Parkspaziergang. Pfarrer Lothar Bauer von der Bruderhausdiakonie traf man auf dem Hofgut Gaisbühl, wo er an die Verdienste Gustav Werners erinnerte, Menschen mit Handicap eine Teilnahme in der Stadt zu verschaffen. Martin Keller, ehrenamtlicher Vorstand der Lebenshilfe, erklärte im Kaffeehäusle, dass so ein Festival auch rastloses Rödeln im Hintergrund bedeutet - jedoch nichts sei ohne die, die es genießen. »Und das sind Sie!«, rief Keller den Gästen im gut besetzten, saunaheißen Festivalzelt zu. Wie die übrigen Repräsentanten (Carmen Würth vertreten durch Prof. Dr. Ulrich Roth) war er dann doch noch leibhaftig kurz auf die Bühne geeilt.Nun gilt es, bis Sonntag all das inklusive Kulturtreiben zu genießen. (GEA)