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Kontinuität und Neuanfang: Das Programm des neuen Tübinger Zimmertheater-Intendanten

Der neue Intendant des Tübinger Zimmertheaters, Thomas Bockelmann, hat sein von Kontinuität und Neuanfang geprägtes Programm für die Spielzeit 2025/26 vorgestellt.

Thomas Bockelmann, der neue Tübinger Zimmertheater-Intendant.
Thomas Bockelmann, der neue Tübinger Zimmertheater-Intendant. Foto: Christoph B. Ströhle
Thomas Bockelmann, der neue Tübinger Zimmertheater-Intendant.
Foto: Christoph B. Ströhle

TÜBINGEN. Alles neu am Tübinger Zimmertheater? Jein. Es gibt auch Kontinuitäten. Und ein Anknüpfen an frühere Jahre. Thomas Bockelmann, als neuer Intendant im April benannt, trug in dieser Funktion bereits von 1988 bis 1993 Verantwortung am Haus, bevor Intendanten wie Crescentia Dünßer und Otto Kulka, Klaus Metzger und Vera Sturm übernahmen. Zuletzt leitete Peer Mia Ripberger die Geschicke der Tübinger Bühne und reichte nach einem Konflikt mit der Stadt bezüglich der Finanzierung des Theaters seine Kündigung ein.

Tübingens Kulturbürgermeisterin Gundula Schäfer-Vogel sprach am Dienstagvormittag am Rand der Pressekonferenz zur neuen Spielzeit vom »Intendanten-Turbo«, der nun gezündet werde. Bockelmann startet die Spielzeit 2025/26 bereits am 13. September und wird bei der Eröffnungspremiere auch gleich selbst auf der Bühne stehen. Zusammen mit der Schauspielerin Sigrun Schneider-Kaethner spielt er George Taboris (1914-2007) Hommage an seine Mutter, »Mutters Courage«. Tabori hatte das Tübinger Zimmertheater übergangsweise im Jahr 1972 geleitet. Bockelmann spielt das von ihm inszenierte Stück, das die wahre Geschichte über die wundersame Rettung von Taboris Mutter vor Auschwitz erzählt, schon seit drei Jahrzehnten. Es war auch schon in New York und Los Angeles zu sehen.

Gehen hoch motiviert an die Arbeit: Regisseur Tobias Schilling (von links), Verwaltungsleiter Dominik Gerstorfer, Intendant Thom
Gehen hoch motiviert an die Arbeit: Regisseur Tobias Schilling (von links), Verwaltungsleiter Dominik Gerstorfer, Intendant Thomas Bockelmann, Ensemblemitglied Stefan Herrmann, Regisseurin Magdalena Schönfeld und Dramaturg Stefan Tigges. Foto: Christoph B. Ströhle
Gehen hoch motiviert an die Arbeit: Regisseur Tobias Schilling (von links), Verwaltungsleiter Dominik Gerstorfer, Intendant Thomas Bockelmann, Ensemblemitglied Stefan Herrmann, Regisseurin Magdalena Schönfeld und Dramaturg Stefan Tigges.
Foto: Christoph B. Ströhle

Zu den Kontinuitäten am Haus in der Bursagasse zählt auch, dass die bisherigen Ensemblemitglieder Johanna Engel und Jel Woschni weiter am Zimmertheater spielen und die bisherige Hausregisseurin Magdalena Schönfeld mit »Patient Zero 1« und »Prima Facie« zwei zeitgenössische Stücke inszenieren wird. Außerdem wird es mit »Geisterhaus« von Fabienne Dürr, der Hausautorin der vergangenen Spielzeit, eine bereits in der Ära Ripberger vorbereitete Uraufführung geben.

Thomas Bockelmann, 1955 in Lüneburg geboren, war unter anderem Intendant der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven, der Städtischen Bühnen Münster und des Staatstheaters Kassel. Bockelmanns Inszenierung von Thomas Braschs »Mercedes« am Tübinger Zimmertheater wurde 1990 bei den Baden-Württembergischen Theatertagen in Heidelberg als beste Inszenierung ausgezeichnet. Er ist mit der Schauspielerin Christina Weiser verheiratet, die 2016 mit dem VolksBühne-Preis in der Sparte Schauspiel geehrt wurde und am Zimmertheater mit Gastspielen präsent sein wird. In William Shakespeares letztem Drama »Der Sturm«, inszeniert von Thomas Bockelmann, wird sie vom 2. Mai 2026 an an der Seite von Bernhard Hurm (Prospero/Trincolo) und Johanna Engel (Caliban/Miranda) in drei Rollen (Ariel/Fernando/Stefano) zu sehen sein.

Spielzeit-Motto von Hölderlin

Bockelmanns Intendanz ist zunächst auf drei Jahre angelegt. Das Spielzeit-Motto 2025/26, »Komm ins Offene«, ist von Friedrich Hölderlin entlehnt. Er schätze das Theater als »einen Ort, an dem ich nicht mit mir einer Meinung sein muss, an dem ich lachen, aber auch dorthin mitgenommen werden kann, wo es schmerzt«, sagte Bockelmann, der im März 70 Jahre alt geworden ist und es als »Ehrfreude« bezeichnet, »erneut am Zimmertheater - in der Nachbarschaft des Turms, in dem Friedrich Hölderlin über 36 Jahre lebte - arbeiten zu können«.

Zu den Stücken, die das Zimmertheater in der neuen Spielzeit herausbringt, zählt »Patient Zero 1« von Marcus Peter Tesch - »eine radikale, aber trotzdem humorvolle Kampfansage gegen das Vergessen, gegen das Schweigen, gegen Stigmatisierung und gegen den Tod« im Kontext von Pandemien, erklärte Regisseurin Magdalena Schönfeld. In Anat Govs Stück »Oh mein Gott!«, das Thomas Bockelmann inszenieren wird, wende sich Gott an eine Psychologin, weil er seine wachsende Depression überwinden wolle, führte der neue Zimmertheater-Dramaturg Stefan Tigges aus.

Premiereninfo

Am Tübinger Zimmertheater gibt es in der Spielzeit 2025/26 folgende Premieren: »Mutters Courage« von George Tabori (13. September); »Patient Zero 1« von Marcus Peter Tesch (27. September); »Oh mein Gott!« von Anat Gov (14. November); »Geisterhaus« von Fabienne Dür (17. Januar); »Prima Facie« von Suzie Miller (20. März); »Der Sturm« von William Shakespeare (2. Mai). (GEA)

In Fabienne Dürs »Geisterhaus« geht es um drei Figuren, die mit einer Geisterbahn zu tun haben; die versuchen, mit dem Leben klarzukommen, aber »in ihrer Geisterhaus-Realität feststecken«, wie Regisseur Tobias Schilling es ausdrückte. Suzie Millers Einpersonenstück »Prima Facie« wird Magdalena Schönfeld inszenieren. Johanna Engel schlüpft darin in die Rolle einer knallharten Strafverteidigerin in Fällen von sexualisierter Gewalt. Ihre Glaubenssätze bröckeln, als sie nach einer Vergewaltigung durch einen Kollegen als Opfer selbst im Kreuzverhör steht.

Bockelmann hat sich zum Ziel gesetzt, 2.000 Besucherinnen und Besucher mehr als in der zu Ende gegangenen Spielzeit ins Theater zu locken (rund 5.600 waren es da). Gespielt werden soll an vier Tagen pro Woche. Zusammen mit dem Gitarristen Christoph Denoth will der Intendant in vier musikalisch-literarischen Soireen in Erscheinung treten, etwa mit Shakespeare-Sonetten und Musik von John Dowland oder dem Briefwechsel zwischen Paula Modersohn-Becker und Rainer Maria Rilke, den Christina Weiser mit vortragen wird. (GEA)