Logo
Aktuell Klassik

Klingende Sommerhitze: Saisonfinale der WPR in der Reutlinger Stadthalle

Im letzten Sinfoniekonzert der Saison entfacht die Württembergische Philharmonie in der Reutlinger Stadthalle einen klanglichen Treibhauseffekt mit Werken von Koechlin, Ravel und Debussy. Der Akademische Chor aus Tübingen webt mit am Sommerflirren.

Atmosphärische Klangmalereien: Geiger der Württembergischen Philharmonie im Sinfoniekonzert in der Stadthalle.
Atmosphärische Klangmalereien: Geiger der Württembergischen Philharmonie im Sinfoniekonzert in der Stadthalle. Foto: Armin Knauer
Atmosphärische Klangmalereien: Geiger der Württembergischen Philharmonie im Sinfoniekonzert in der Stadthalle.
Foto: Armin Knauer

REUTLINGEN. Die Abendluft vor der Stadthalle ist warm und dick wie Badewasser. Drinnen umspülen die Hörer Klänge von nicht weniger dichter Atmosphäre. Es ist das letzte Sinfoniekonzert der Saison der Württembergischen Philharmonie, das Orchester verabschiedet sich mit französischen Impressionisten in die Sommerpause.

Der Saal ist so gut wie ausverkauft, doch mental sind wir schon gleich in anderen Gefilden. Gleiten mit dem Englischhorn von Yuko Schmidt über dem Streichergrund auf einen flirrenden Horizont zu in Charles Koechlins »Au loin«, also: »In der Ferne« von 1896. Koechlin, der Pariser mit dem elsässischen Namen, ist der eigentliche Erfinder des musikalischen Impressionismus. Die atmenden Hornbögen, der zarte Klarinettenfluss, die Streicherschleier, alles fügt sich zu einer Filmmusik in einem Spätwestern, für den es keine Cowboys mehr braucht.

Liebe zu einer Nymphe

Mit Musik aus Maurice Ravels Ballett »Daphnis et Chloé« gleiten wir hinüber in ein idealisiertes Griechenland. Erleben eine Morgendämmerung, die aus einem Flötenkräuseln emporsteigt in ein rauschhaftes Lichtermeer. Um uns plötzlich im lauschigen Oboenton an die Fersen des bocksbeinigen Hirtengottes Pan zu heften, der seinerseits der Nymphe Syrinx nachstellt. Sie entzieht sich, verwandelt sich in ein Schilfrohr, doch der liebeshungrige Gott schneidet aus dem Rohr eine Flöte. All seine Sehnsucht entströmt der Flöte Peter Eberls, aber auch die in wahnwitziger Virtuosität aufrauschende Leidenschaft. Ehe alles in einem großen Bacchanal endet, einem Fest, in dem sich die Stimmen des Akademischen Chors (Einstudierung Philipp Amelung) ekstatisch hochschrauben.

Ihre Stimmen bringen Atmosphäre: Der Akademische Chor der Universität Tübingen.
Ihre Stimmen bringen Atmosphäre: Der Akademische Chor der Universität Tübingen. Foto: Armin Knauer
Ihre Stimmen bringen Atmosphäre: Der Akademische Chor der Universität Tübingen.
Foto: Armin Knauer

Die Welt ein Fest? Ravel musste das Gegenteil erfahren als Lastwagenfahrer im Ersten Weltkrieg. Das Ende des Abends wird daher ein anderes. Zuvor aber geleitet uns Claude Debussy noch durch seine »Trois Nocturnes«. Erst träumen wir unter Wolkenfeldern zu sanften Vokalisen der Frauen des Akademischen Chors, zum Englischhorn von Yuko Schmidt einmal mehr, wiegenden Streicherfiguren, flüsternden Fagotten.

Festtreiben im Wald

Weiter zum abendlichen Picknick im Bois de Boulogne, dem waldartigen Park vor Paris. Hier flackert ein Holzbläserlicht auf, dort ein Tanzlied der Geigen; trompetenstark stapft eine Marschkapelle daher, großer, Aufruhr, ehe alles im Dämmer versinkt. Schließlich erneut das mythische Griechenland, der gewitzte Held Odysseus, an den Mast seines Schiffes gebunden, das an der Insel der Sirenen vorbeifährt. Lockende Gesänge des Frauenchors, der Trompete, ein Wogen und Wehen, der Held entkommt.

Die wirkliche Welt entkam ihm nicht, dem Lockruf der Sirenen, die zu den Waffen riefen. 1914 stürzte sie in das große Schlachten. In seiner Johann-Strauss-Hommage »La Valse« vollzieht Ravel nach, wie die alte Welt der glanzvollen Bälle in ihr Verderben tanzt. Aus dunkler Erinnerung steigt alles hervor, aus Kontrabassgrummeln, Fagottgebrumm, eine Walzerwelt, unter der es finster brodelt, eine Tanzseligkeit, die sich am Ende selbst zertrümmert. Man hofft inständig, dass Ravel damit nur das Bild seiner, nicht auch unserer Tage gezeichnet hat.

Umarmungen für Stammkräfte

Wer könnte wohl all dieses Flirren und Wogen so dirigieren wie WPR-Chefdirigentin Ariane Matiakh? Sie geht ganz auf darin. Am Ende verabschieden sie und Orchestervorstand Peter Eberl vier langjährige Stammkräfte in den Ruhestand: Harfenistin Marina Paccagnella, Flötistin Angelika Bender, Geiger Matthias Buck und Trompeter Carl-Friedrich Schmidt. Rosen, Blumensträuße, herzliche Umarmungen. Die Welt, sie mag krisenhaft sein – das Orchester hält zusammen. (GEA)