REUTLINGEN. Es gibt wenige Musikstile, die so universell tiefe Sehnsucht ausdrücken wie Klezmer. Es war daher etwas Besonderes, wenn das Schweizer Ensemble Kolsimcha, das im Klezmer wurzelt, in der Kaleidoskop-Reihe am Donnerstagabend in der gut gefüllten Stadthalle der Württembergischen Philharmonie begegnete. Gleich der Beginn glich einer Beschwörung, wenn Michael Heitzler den Ton seiner Klarinette über zarten Streichern wie ein Geheimnis aus der Stille aufsteigen ließ.
Klezmer besingt jedoch auch die Lebensfreude. So dauert es nicht lange und man ist in atemlosen Tanzrhythmen. Schlagzeuger Christoph Staudenmann macht Dampf, Veit Hübner entlockt seinem Kontrabass einen sprudelnden Puls, die Finger von Olivier Truan fliegen über die Tasten des Flügels, die Klarinette von Michael Heitzler jubelt, die Flöte von Pirmin Grehl wirbelt durch die Tonskala. Die Musiker des Orchesters, vorangepeitscht vom wie elektrisiert hüpfenden Dirigenten Rasmus Baumann, steigern die Feststimmung in ungeahnte Dimensionen. Der Streicherklang schäumt wie Champagner, Holz- und Blechbläser funkeln, Xylofon und Glockenspiel blinken.
Der Milchmann tanzt
Eine Tanz-Suite aus dem Ballett »Tewje« erklingt hier. Wir erinnern uns: Tewje, der Milchmann mit den heiratswilligen Töchtern aus »Anatevka«. Das Ballett hat Kolsimcha-Chef Olivier Truan geschrieben – wie alle Stücke des Abends. Truan führt mit trockenem Humor durchs Programm: »Gut, dass ihr da seid, wir sind auch gerade da, das trifft sich!« Er kennt das klassische Metier genauso wie Jazz und Klezmer.
Geschickt lässt er im Orchester mal die eine, mal die andere Welt aufblitzen, schickt seine Band mal in Improvisationen, lässt sie wieder fast klassisch klingen. Etwa in der wahnwitzigen Virtuosennummer »À bout de souffle« (also: »Am Ende des Atems«), die er Flötist Pirmin Grehl aufs silbrige Metallrohr geschrieben hat. Grehl rast unbeeindruckt durch die Tonketten; das Orchester wiederum fühlt sich in zuckenden Klezmertänzen genauso wohl wie in krummtaktigen Balkannummern. Zum Zauberklang von Klarinette und Flöte gesellt sich oft anschmiegsam die Sologeige von Konzertmeister Teruyoshi Shirata.
Rasende Hochzeitsband
»Autostrada« erzählt musikalisch von einer rumänischen Hochzeitsband auf ihrem rasenden Weg zum Einsatz im Alpenland – bis ihr Vehikel auf dem letzten Klarinettenloch röchelnd den Geist aufgibt. Herrlich! Das Konzert ist voll von solchen Momenten, in denen Instrumente Geschichten erzählen. Vom biblischen Noah ist die Rede, der in gezogenen Klarinettentönen sein Schicksal beklagt, die Menschheit nicht vor der Sintflut retten zu können. Ehe unter den Drumsticks von Christoph Staudenmann und im Orchester die Wogen hochschlagen.
Immer wieder wird gefestet und getanzt; dazwischen platziert Truan frappierend ruhige Momente. Etwa wenn Veit Hübner am Kontrabass ganz allein von Jerusalem erzählt, erst in orientalisierenden Motiven, dann in einen Jazzpuls einbiegend. Oder wenn sich Michael Heitzler an der Klarinette auf eine seiner Meditationen voll innerer Wärme begibt. Der Funke springt über, das Publikum fordert mehr und mehr – und bekommt erst eine temperamentvolle Mini-Suite, am Ende jedoch das Zurücksinken in die Stille mit einer bewegenden Begegnung von Klarinette, Flöte, Klavier und Sologeige. (GEA)

