REUTLINGEN. Mehr als ein Konzert war es, was am Sonntagabend in der Reutlinger Marienkirche geboten wurde: ein bewegender musikalischer Gedenkakt, der aufrüttelte, tröstete und Hoffnung spendete. Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes erlebte das Publikum eine dramaturgisch vielschichtige Veranstaltung.
Den Auftakt bildete das "Prélude" aus der Suite op. 5 von Maurice Duruflé. Die Orgel, hervorragend gespielt von Hans-Jürgen Kaiser, entfaltete in wellenartigen Abschnitten ihre ganze klangliche Kraft. Die düstere, fast mystische Atmosphäre dieses Werkes erinnerte – wie Kantor Torsten Wille als musikalischer Leiter anmerkte – an die Legende einer versunkenen Kathedrale, die aus der Tiefe emporsteigt. Es folgte die Kantorei der Marienkirche unter Willes Leitung mit Rudolf Mauersbergers Trauermotette "Wie liegt die Stadt so wüst", entstanden im Angesicht der Zerstörung Dresdens 1945. Diese A-cappella-Darbietung transportierte das biblische Klagelied Jeremias mit erschütternder Aktualität: klagend, aufrüttelnd, gleichzeitig zart und tröstend.
Von der Klage zur Hoffnung
Nach diesen eindringlichen musikalischen Aussagen führte Prälat Markus Schoch in einer Ansprache vom biblischen Klage-Charakter hin zur Hoffnung. Es folgte der gemeinsam gesungene hebräische Kanon »Haschiwenu«, ein bewegendes Zeichen gemeinschaftlicher Erinnerung und Friedenssehnsucht. Einen kontemplativen Ruhepol setzte das anschließende Präludium aus der zweiten Cello-Suite in d-Moll von Johann Sebastian Bach, ergreifend vorgetragen von Christian Adamsky, Cellist der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Der warme, melancholische Celloton schuf eine intime Klanginsel mitten im sakralen Raum.
In seinem darauffolgenden Kurzvortrag erinnerte Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck eindringlich an die Zerstörung Reutlingens im April 1945. Sein Appell, die aus den Trümmern erwachsene Demokratie zu bewahren, wurde durch die musikalische Fortsetzung wirkungsvoll untermalt.
Duruflé-Requiem als Höhepunkt
Zentraler Höhepunkt des Abends war das Requiem von Maurice Duruflé – ein Werk, das Gregorianik, französische Klangkultur und moderne Harmonik auf einzigartige Weise verbindet. Die Kantorei der Marienkirche zeigte sich dieser anspruchsvollen Partitur mehr als gewachsen: Homogen im Klang, differenziert in der Dynamik, sensibel im Ausdruck. Kleinere Intonationsungenauigkeiten im Chor gerieten angesichts des eindrucksvollen Gesamtklangs zur Nebensache. Alt-Solistin Anne Greiling berührte mit ihrem »Pie Jesu« durch warme, kraftvolle Stimmführung und tiefen Ausdruck. Bariton Thomas Scharr setzte klare, nachdenkliche Akzente, während Hans-Jürgen Kaiser die Orgel mit nuancierter Klangkontrolle eindrucksvoll gestaltete.
Zum Abschluss schlug Prälat Schoch erneut die Brücke zur Gegenwart: Die Erinnerung an das unfassbare Leid des Zweiten Weltkriegs müsse immer auch Mahnung sein – gerade heute. Mit Psalm 85 (»Gerechtigkeit und Friede sollen sich küssen«) leitete er zum gemeinsamen Singen von Felix Mendelssohn Bartholdys »Verleih uns Frieden gnädiglich« über. Dieses musikalische Friedensgebet entließ die Besucher mit einem Gefühl von innerer Bewegung und nachdenklicher Hoffnung. Die Glocken der Marienkirche, die am Ende in die Stille des Raumes hineinläuteten, schienen diese Hoffnung klanglich zu bestätigen: Herr, verleihe uns dauerhaft Frieden! (GEA)

