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Klamauk für Junggebliebene: SDP in der Stuttgarter Schleyerhalle

Ein Abend mit Flamingos im Feuerregen: SDP feiern mit 12.000 Menschen in der Schleyerhalle Kindergeburtstag mit Erwachsenen-Witzen und allem, was in den Charts funktioniert.

Grimassen und Klamauk: Dag-Alexis Kopplin (vorne) und Vincent Stein alias SDP haben Spaß in der Schleyerhalle.
Grimassen und Klamauk: Dag-Alexis Kopplin (vorne) und Vincent Stein alias SDP haben Spaß in der Schleyerhalle. Foto: Steffen Becker
Grimassen und Klamauk: Dag-Alexis Kopplin (vorne) und Vincent Stein alias SDP haben Spaß in der Schleyerhalle.
Foto: Steffen Becker

STUTTGART. »Die bekannteste unbekannte Band der Welt« steht auf dem Bühnenvorhang. Ist natürlich ein ziemliches Understatement. 12.000 Menschen in der Schleyerhalle haben ihr Ticket nicht als Katze im Sack gekauft. Man kennt sich von Pro7, »Sing meinen Song« – und spätestens seit circa 2010 aus den Hit-Radios der Republik.

SDP steht für »Stonedeafproduction« (Steintaubproduktion), was nach Eigenaussage der Band keinerlei Bedeutung habe. Dazu passt das Motto ihres inzwischen elften Albums »Die wollen nur spielen«. Zusammengefasst könnte man es übersetzen mit »wir wollen nicht erwachsen werden«.

40er singen über die Schulzeit

Auf der Bühne stehen zwei Frontmänner in ihren 40ern, hüpfen in Sportklamotten der 90er über die Bühne und singen über ihre Schulzeit. Und was soll man sagen: Es funktioniert. SDP bedienen die Sehnsucht nach ewiger Adoleszenz. Irgendwie hat es auch was Befreiendes: Ignorieren, dass eine verlängerte Jugend uncool wirken könnte und einfach eintauchen in die Zeit, als man sich noch sorgenlos fühlen durfte.

Und so ballern erwachsene Menschen zu einer Mischung aus Rap und Deutschpop jauchzend aufblasbare Flamingos und Einhörner durch die Arena. Sie singen »Mein Hobby ist Ferien«, ein zusammen mit dem Kinderlieder-Rapper Dikka produziertes Lied. Womöglich dient es dem Zweck, dass die spätpubertierenden Leute auch ihre Töchter und Söhne mit zum Konzert bringen können (in Stuttgart geht das Konzept auf).

Wohin mit der Leiche?

Denen müssen sie die Schallschutz-Kopfhörer beim nächsten Song fest ans Ohr pressen. »Ne Leiche« – erster Hit, in Kooperation mit Sido – handelt zu fröhlichem Gedudel vom Beseitigen eines Toten (»Ey, ich leg sie in die Tiefkühltruhe, weil sie da keiner sehen kann/ Und ich hol sie raus im Winter und bau daraus 'nen Schneemann«). Das Publikum geht anschließend auf Nummer sicher – ein als Juke Box verkleideter »Applausometer« misst die Dezibel beim Jubel zur Wahl des nächsten Songs. Die Mehrheit entscheidet sich für die Lebensperspektive kleiner Jungs: »Als ich Mädchen noch scheiße fand.«

Konzert und Band funktionieren als nur halb ironisches Spiel mit Party-Choreografien und All-inclusive-Entertainment. La-Ola-Wellen, Umfragen, Mitmach-Singen – das Publikum kommt in Bewegung. Zwischendrin knallt Konfetti – in Form symbolischer gelber Scheine, eine Antwort auf die zahlreichen Meldungen, wer sich fürs Konzert frei genommen hat und wer am nächsten Arbeitstag gerne frei haben möchte. Ein wiederkehrendes Motiv: Zugabe ist der Hit »Die Nacht von Freitag auf Montag«, ebenfalls eine Zusammenarbeit mit Sido.

Pur- und Silbermond-Cover

Überhaupt bedienen sich SDP munter bei so gut wie allem, was in den vergangenen 20 Jahren Erfolg in den Charts hatte. Auf dem neuen Album gibt es eine Zusammenarbeit sowohl mit Clueso als auch mit den Mittelalter-Rockern Saltatio Mortis. In der Schleyerhalle covern sie »Abenteuerland« von Pur und singen mit ihrem Support-Act Elif »Symphonie« von Silbermond.

Immerhin: In der Bandbreite finden auch ein paar tiefschürfende Momente Platz. »Keine Helden« mit dem Rapper Kontra.K lässt sich als melancholische Betrachtung des Phänomens männlicher Einsamkeit hören. Im Konzert entern die Frontmänner Vincent Stein und Dag-Alexis Kopplin die Ränge und singen sich über die Köpfe des Publikums ein Liebeslied zu.

Gefühlvoller Moment

Besonders gefühlvoll wird es zum Ende des Konzerts. Kein Bass-Wummern, dafür der Sound einer Cajón und ein Schellenkranz ist zu hören. Die Gitarristin zupft romantische Akkorde, dazu ein gefühlvolles Klavier – alles unplugged, viel Herz, kein Klamauk. Dann kracht plötzlich wieder das Schlagzeug und das Konzert biegt mit kreischenden E-Gitarren und Funkenfontänen gen Finale. Party-Time! (GEA)