REUTLINGEN. Alles, was er an religiöser Vorstellungskraft besitze, habe er seinem Requiem mitgegeben, das »von Anfang bis Ende von einem sehr menschlichen Gefühl des Glaubens an die ewige Ruhe beherrscht ist«, schrieb der französische Komponist Gabriel Fauré über sein einziges größeres Werk mit einem religiösen Text als Basis. Das Requiem op. 48, zwischen dem Tod seines Vaters (1885) und dem seiner Mutter (1887) entstanden, zeichnet das Bild eines Jenseits, das all seinen Fegefeuerschrecken verloren hat. Kein himmlisches Strafgericht, keine Androhung der Höllenqualen - Fauré verzichtet auf eine dramatisierende Darstellung des »Dies irae« (Tag des Zorns), beschränkt sich auf die Vertonung von dessen letztem Vers, dem »Pie Jesu« (Gütiger Jesus).
Der Kammerchor Reutlingen hat die vom Komponisten eigenwillig gestaltete Totenmesse, die in Teilen Wiegenliedcharakter besitzt, unter der Leitung von Marcel Martinèz in Aufführungen in Reutlingen und Eningen mit Leben gefüllt. Im von uns besuchten Konzert in der Reutlinger Auferstehungskirche fiel als erstes der kammermusikalische Rahmen auf. Ähnlich muss das bei der Uraufführung im Januar 1888 in der Pariser Kirche La Madeleine geklungen haben. Nicht so wie bei der später auf Betreiben des Verlegers erstellten Version für Chor, Solisten und großes Sinfonieorchester, die bei der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 erklang.
Artikuliert wie aus dem Nichts heraus
Auf der Empore, dicht bei der Orgel stehend, die unter den Fingern von Albert Mañosa schillernd Impulse und klangliche Substanz beisteuerte, gestaltete der Chor das Werk von Beginn an eindringlich. Heilig und weihevoll kam dieser von einem kleinen Instrumentalensemble begleitete Gesang daher, in dunkler Tönung doch Hoffnungszeichen setzend. Fein und zart erklangen die Worte »Requiem aeternam«, artikuliert wie aus dem Nichts heraus. Die Soprane malten beseelt das Wort »Jerusalem« aus.
Vorübergehend gaben sich die Klänge schwer, wie ohne Licht. Um dann aber voller Wärme und Anmut aufzublühen. Heikle Stellen - etwa im Offertorium das unbegleitete »O Domine« oder die wie entmaterialisiert klingenden Frauenstimmen im »In Paradisum« - meisterten die Sängerinnen und Sänger gut aufeinander hörend.
Mit feinem Duft
Feiner Duft entströmte den Klängen, die die Vokalsolisten aus dem Chor heraus mitgestalteten. Die Sopranistin Malwina Hassler sang das »Pie Jesu« mit klarer Artikulation und Stütze. Tonsprünge waren bei ihr sehr organisch und gerieten doch zu Ereignissen, kündeten von Andacht und Erhabenheit. Der Bariton Andreas Wienss traf gut den bang-feierlichen Ton, ließ die Töne im »Libera me« sich entwickeln und das Publikum an zwiespältiger Empfindung teilhaben.
Friedvoll, nach sich verströmendem Wohlklang im Satz »In Paradisum« klang das intim-liebevolle Requiem aus. Auf eine andächtige Pause folgte herzlicher Applaus. (GEA)

