REUTLINGEN/STUTTGART. Kaum hat sich das Kulturleben nach Corona halbwegs wieder berappelt, geistert die Frage durchs Land: Wird die mühsam durch die Pandemie gerettete Kultur nun durch die finanziell gebeutelten Kommunen kaputtgespart? In Stuttgart immerhin gab es bereits Demos vor dem Rathaus gegen den befürchteten Kahlschlag; und eine Petition mit 45.000 Unterschriften gegen Kürzungen bei Bildung, Soziales und Kultur wurde eingereicht. Um sechs Prozent sollen die Zuschüsse für Kultureinrichtungen vonseiten der Landeshauptstadt sinken. Festivals wie das renommierte Neue-Musik-Fest Eclat oder das viel gelobte Jugendtheaterfest »Schöne Aussicht« des Jungen Ensembles Stuttgart (JES) müssen teils mit weit heftigeren Einbußen ihrer städtischen Förderung von 20 Prozent und mehr klarkommen.

Was Reutlingen betrifft, so kann Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger zufolge von Kahlschlag keine Rede sein. Ja, das Geld sei knapp, »seit fünf Jahren sind wir ständig am Konsolidieren«. Ihrem Ressort sei auferlegt worden, im Veranstaltungsbereich jährlich 100.000 Euro einzusparen. Ganz ohne schmerzhafte Einschnitte sei das nicht zu machen. Andererseits würden wichtige Institutionen auch in schwierigen Lagen unterstützt. Der Württembergischen Philharmonie etwa hilft die Stadt aus der Klemme, nachdem das Land sich weigerte, in seinem Zuschuss die Tariferhöhungen zu berücksichtigen. Auch das franz.K bekommt etwas mehr, wenn auch vermutlich keinen vollen Inflationsausgleich. Und der Tonne-Zuschuss wird auch nicht reduziert.
»Seit fünf Jahren sind wir ständig am Konsolidieren im Kulturbereich«
Indirekt trifft es die Tonne aber doch, weil der Zuschuss von 12.000 Euro jährlich für den mit der Tonne kooperierenden Verein Baff wegfällt. Damit war die Theaterausbildung der Schauspieler mit Behinderung des inklusiven Ensembles der Tonne bezahlt worden. Diese Ausbildung soll nun die Tonne selbst übernehmen, so der Plan der Stadt. Ohne zusätzliche Mittel wohlgemerkt.

Zudem wurde die Theateroffensive gestrichen. Das Abo-Angebot, das Vorstellungen der Tonne, des Theaters Lindenhof, des Zimmertheaters und des LTT vereint, war stets ausverkauft, es gab eine Warteliste. Ab der Saison 2026/27 fällt es weg. Gleichzeitig wurde die Partnerschaft mit dem Theater Lindenhof gekündigt, das von der Stadt Reutlingen jährlich 20.000 Euro bekam. Weil auf jeden kommunalen Förder-Euro an den Lindenhof das Land zwei Euro drauflegt, müssen die Melchinger befürchten, dass ihnen zusätzlich 40.000 Euro Landesmittel wegbrechen.
»Ursprüngliches Ziel der Theateroffensive war es, die beteiligten Theater bekannt zu machen«
Ja, der Wegfall der Theateroffensive sei schmerzlich, räumt Kulturamtsleiterin Bächtiger ein. Gerade weil das Angebot so gut angenommen wurde. Aber die Sache habe sich nie selber getragen, die Kosten seien zuletzt gestiegen, hätten die Stadt jährlich 30.000 Euro gekostet. Und schließlich: »Ursprüngliches Ziel der Theateroffensive war ja, die beteiligten Theater bekannt zu machen. Die sind aber ja nun den Theaterinteressierten inzwischen bestens bekannt.«
Und ja, auch, dass man die Partnerschaft mit dem Theater Lindenhof nicht mehr finanzieren könne, sei schmerzlich. Bächtiger verweist auf Signale aus dem Land, dass in solchen Fällen, wenn die Kommunen in ihrer Geldnot Förderung kürzen, der Landeszuschuss zumindest zunächst bleiben soll. Ministerin Petra Olschowski vom Landeskunst- und Wissenschaftsministerium hatte das kürzlich angekündigt. Selbst wenn das so kommen sollte, ist jedoch unsicher, ob es auch auf Dauer bleibt.
»Wir hoffen inständig, dass unser Ausstieg beim Lindenhof nicht andere inspiriert«
Und dass noch eine andere Furcht im Raum steht beim Theater Lindenhof, auch dessen ist sich Bächtiger bewusst: Der Lindenhof baut finanziell auf einem weitgespannten Netzwerk an Partnerschaften mit 21 Städten in Baden-Württemberg von Biberach bis Bietigheim-Bissingen. Der Ausstieg einer Stadt könnte da einen Dominoeffekt auslösen, andere Kommunen inspirieren, dem Beispiel zu folgen, denn klamm sind sie im Moment so gut wie alle. »Wir hoffen inständig, dass genau das nicht passiert«, sagt Bächtiger.

Die drei städtischen Musikreihen wolle man auf jeden Fall erhalten, betont Bächtiger: den Kammermusikzyklus, die Musica Antiqua und die Musica Nova. Alle haben sie zuletzt an Konzerten eingebüßt, dabei soll es Bächtiger zufolge aber bleiben. Auch den Orgelsommer will man erhalten. Der 2026 allerdings in reduzierter Form stattfinden wird, weil die Orgel in der Marienkirche saniert und ausgebaut wird und deshalb erst im Herbst wieder zur Verfügung steht. Konzerte gibt es in diesem Sommer daher nur in den anderen Kirchen.
»Der Musikalisch-literarische Salon soll weitergehen, möglicherweise in anderen Räumen«
Kein Geld im Haushaltsentwurf ist für den Musikalisch-literarischen Salon zu finden. Der soll allerdings nicht dauerhaft wegfallen, wie Bächtiger betont. Die Reihe, so Bächtiger, sei ein Schatz, auch weil durch die Verbindungen des Initiatoren-Ehepaars Ute Kleeberg und Uwe Stoffel Stars in Reutlingen aufschlagen, die man sonst nicht bekommen hätte. Die Reihe soll weitergehen, aber womöglich in anderer Form und in anderen Räumen. Weil der kleine Saal der Stadthalle eben relativ teuer ist.
Womit wieder das dauerhafte Dilemma in den Blick kommt, dass die Stadt sich für ihre Veranstaltungen teils die eigene Halle nicht mehr leisten kann. Auch Cornelius Grube, Intendant der Württembergischen Philharmonie, klagt oft über die hohen Kosten der Halle. Eigentlich brauche es ein zweigeteiltes Preissystem, findet Bächtiger, mit unterschiedlich hohen Preisen für externe und interne Veranstaltungen. Ihr ist aber auch klar, dass so ein Verfahren den jährlichen Abmangel der Halle in die Höhe treiben würde. Da steckt das Dilemma.
»Mit 10.000 Euro wuppen Sie keine Kulturnacht, das läuft sich dann tot«
Kein Geld findet sich im Haushaltsentwurf auch für die Kulturnacht. Auch das sieht Bächtiger nicht als Aus für dieses Angebot. Die 10.000 Euro Zuschuss vom letzten Mal seien jedoch zu wenig gewesen, ist ihre Einschätzung: »Damit wuppen Sie keine Kulturnacht, das läuft sich dann tot.« Wenn Förderung, dann richtig, solange das nicht gehe, müsse es eine Pause geben. Schön fände Bächtiger es, wenn im Hinblick auf eine künftige Kulturnacht wieder eine Kooperation mit dem Haus der Kulturen zustande käme.

Nicht gefährdet sieht Bächtiger die museumspädagogischen Angebote des Kunstmuseums. Da sah es zwar zuletzt so aus, als sollten die Angebote zahlenmäßig weniger werden. Die Kooperationen mit den Schulen blieben aber auf jeden Fall aufrecht erhalten, betont Bächtiger. Inzwischen hat sich auch eine zusätzliche Förderung vom Bund aufgetan, wie sie berichtet. Allerdings bleibt es 2026 bei einer neuen Ausstellung im Kunstmuseum Reutlingen/konkret in den Wandel-Hallen, um Mittel zu sparen. Die man für den lange ersehnten Ausbau des Erdgeschosses der Wandel-Hallen zum Entrée und Schauraum braucht. Dieser Umbau soll 2026 endlichen kommen – muss Bächtiger zufolge jedoch ohne zusätzliche Mittel bewältigt werden.
»Von Kürzungen bis zu 10 Prozent wie in anderen Kommunen sind wir weit entfernt«
Alles in allem, bilanziert Bächtiger, seien die Einschnitte in Reutlingen weit weniger drastisch als in manch anderen Kommunen. Sie verweist auf Stuttgart, wo das Staatstheater weit über 4 Millionen Euro an städtischer Förderung im Jahr zu verlieren droht – und, wie die Theaterleitung vorgerechnet hat, dafür zehn Prozent ihres Personals abbauen müsste. Davon sei man in Reutlingen weit entfernt.
In der Achalmstadt gibt es ohnehin noch einen ganz speziellen Grund, warum 2026 trotz städtischer Sparzwänge ein Jahr mit reichlich Kulturevents zu werden verspricht: Der große Stadtbrand von 1726 jährt sich zum 300. Mal. Schon jetzt ist klar, dass das mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert wird. (GEA)

