REUTLINGEN. Die Karriere erscheint so atemberaubend wie die Musik: Jakob Manz, geboren in Bad Urach, aufgewachsen in Dettingen, wird im Mai erst 25 Jahre alt. Mit 15 Jahren schon begann er, Jazz an der Stuttgarter Musikhochschule zu studieren. Seit 2020 hat er sechs Alben auf dem renommierten Jazzlabel ACT veröffentlicht. Mit 18 Jahren hat er den Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg geholt. Er ist noch immer das junge Saxofonwunder, sprühend vor Energie, Einfallsreichtum, todsicher, souverän in jeder Hinsicht. Am Samstagabend tritt er mit seiner Band, dem Jakob Manz Project, im franz.K auf, das Konzert ist eine Kooperation zwischen dem franz.K und dem Reutlinger Jazzclub in der Mitte. Nur die ersten Reihen sind dort bestuhlt, der Saal ist lange restlos ausverkauft. Manz und seine Mitstreiter reißen die wenigen Sitzenden zuletzt auch auf die Beine, brennen zwei Stunden lang ein furioses Feuerwerk ab, in dem der Groove, der treibende Rhythmus, das energische Zusammenspiel immer die wichtigste Rolle spielen, in dem aber auch Platz für andere, nicht minder fesselnde Klänge bleibt. Hier wird das Publikum abgeholt: Jazz mit der Wucht eines Rockkonzerts.
Unerschöpfliche Fantasie
Hannes Stollsteimer, Frieder Klein, Paul Albrecht treten an ihre Instrumente, Jakob Manz schlendert auf die Bühne, das Saxofon bereits in Händen, spielt eine Melodie, die balladesk mäandert, erst nur begleitet vom Piano – dann zieht ein hämmernder Rhythmus auf, dann sendet das Saxofon Schreie aus. Die Eröffnungsfanfare verklingt, die Band steigt unmittelbar in einen schweren funky Soulgroove ein. Manz spielt vor dem zuckenden, nervösen Untergrund der Rhythmusgruppe geradezu klassische Saxofonmelodien. Das geht augenblicklich ins Ohr und in die Beine, überrascht immer wieder mit neuen Wendungen, mit der Raffinesse neuer explosiver Soli, mit einer Spielfreude, die nichts zurückhält und nichts vergeudet. Die Musik des Jakob Manz Trios ist permanentes Ereignis: Der Bandleader beweist unerschöpfliche Fantasie im Finden von Phrasierungen, die Musiker nehmen sich immer im rechten Augenblick zurück, schließen dann wieder auf in perfekter Interaktion. Das Jakob Manz Project dringt auch vor in äußerst wilde Gegenden, Jakob Manz wird sich mit brüllendem Instrument am Boden wälzen und irgendwann auch wieder beweisen, dass er als Flötist nicht weniger visionär zu agieren versteht.
Der zweite Teil des Abends eröffnet mit dem Stück »Taking Off«. Es findet sich auf dem Album »Live at the Bix«, jüngst veröffentlicht von Hannes Stollsteimers Interfusion Quartet, dem auch Frieder Klein angehört, Komponist des Titels. Klein sitzt im hinteren Bühnenraum wie ein Buddha, der den Auftritt mit seinem Spiel segnet, bunte Mütze auf dem Kopf und Finger, die in komplexen geometrischen Mustern über das Griffbrett eines sechssaitigen Instruments gleiten. Von ihm stammt auch »Bombylius«, ein Stück des ersten Jakob-Manz-Albums, mit dem die Band nun zu ihren gar nicht so weit entfernten Anfängen zurückkehrt: Hier liegt der Klang von Jakob Manz‘ Altsaxofon erst sanft und melancholisch, geradezu zerbrechlich, forschend, über einer kühlen, abstrakten Figur.
Naturbilder und Terzen
Auch »At the Crossroads« ist ein Stück, mit dem das Jakob Manz Project Grenzen sprengt, das leise, intensiv beginnt, mit klassischen Anklängen, sich in enormer Spannung steigert, mit lyrischem Saxofonklang, der vermutlich bei allen Hörern, außer dem Komponisten, idyllische Naturbilder entstehen lässt. Hannes Stollsteimer allerdings dachte beim Schreiben, wie er sagt, ganz prosaisch einfach nur an Terzen. Jakob Manz dagegen denkt an das Ermstal, denkt an Flüsse, Bacheinmündungen, Wasserwege, die sich gabeln, und spielt mit leisem, schweifendem, atemberaubendem Ton. (GEA)

