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Inselleben auf einer Hörspielbühne: Theater Die Tonne zeigt »Der K… von Inishmaan«

Von einem, der fortgeht und wiederkehrt, erzählt die neueste Produktion des Reutlinger Theaters Die Tonne. Bei der »Der K… von Inishmaan« wird die Bühne zur Hörspielbühne.

Santiago Österle als Billy und Stefanie Klimkait (Mitte) und Roswitha John als seine Tanten an den Mikrofonen.
Santiago Österle als Billy und Stefanie Klimkait (Mitte) und Roswitha John als seine Tanten an den Mikrofonen. Foto: Beate Armbruster / Tonne
Santiago Österle als Billy und Stefanie Klimkait (Mitte) und Roswitha John als seine Tanten an den Mikrofonen.
Foto: Beate Armbruster / Tonne

REUTLINGEN. Fiktion und Fakten greifen in Martin McDonaghs Stück »Der K… von Inishmaan« ineinander. Im Jahr 1934 auf Inishmaan, einem winzigen Eiland vor der Westküste Irlands angesiedelt, kommt dort ein Film zur Sprache, der tatsächlich damals in der Gegend gedreht wurde und den Aran-Inseln Bekanntheit und relativen Wohlstand durch ein gesteigertes touristisches Interesse brachte.

McDonaghs schwarze Komödie, die 1996 im Royal National Theatre in London uraufgeführt wurde und nun im Reutlinger Theater Die Tonne in der Regie von Marc von Henning herausgekommen ist, erzählt von Billy, den fast alle auf der Insel »Krüppel-Billy« nennen, weil er eine Behinderung hat. Er träumt davon, weg von der Insel zu kommen, und sieht die Chance dazu gekommen, als die Nachricht von einem Hollywood-Filmdreh auf der Nachbarinsel die Runde macht. Er schafft es, dass Babbybobby - wie er ein Inselbewohner - ihn mit seinem Boot dorthin übersetzt. Allerdings täuscht er dafür eine Tuberkulose-Erkrankung vor, um bei Babbybobby Mitleid zu erregen. Dessen Frau ist an der Tuberkulose gestorben.

Verspottet und belächelt

Billys Plan geht auf, und der 16-Jährige, der zuvor auf der Insel verspottet oder zumindest belächelt wurde, weil er oft stundenlang einfach nur auf der Wiese saß und Kühe betrachtete, schafft es als Filmdarsteller bis nach Amerika. Als er nach Monaten zurückkehrt - die Inselbewohner haben den Film mit ihm gesehen -, erlebt er zum ersten Mal, dass ihm Achtung entgegengebracht wird. Allerdings erhält er von Babbybobby auch eine handfeste Abreibung, weil er dessen Gutgläubigkeit ausgenutzt hat.

Nickeligkeiten und eine bisweilen übergriffige Neugier bilden den Kitt für die Inselgesellschaft, in der jeder fast alles über die anderen weiß. Alle haben ihre Schrullen. Konflikte werden nicht selten mit den Fäusten ausgetragen. Immer wieder pocht Santiago Österle in der Rolle des Billy darauf, nicht »Krüppel-Billy« genannt zu werden. Er formuliert die Ahnung, dass die Inselbewohner ihm nicht alles über den Tod seiner Eltern erzählt haben, die im Meer ertrunken sind. Liebten seine Eltern ihn überhaupt? Verachteten sie ihn gar? Hatte ihr Tod mit ihm zu tun?

Schmaler Grat zwischen Komödie und Grausamkeit

Er bewege sich auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Grausamkeit, weil er glaube, dass die eine die andere erhellen kann, hat der Autor und Oscarpreisträger Martin McDonagh (ausgezeichnet für den Kurzfilm »Six Shooter«) einmal gesagt. Was »Der K… von Inishmaan« betrifft, kann man ihm nur beipflichten.

Obwohl das Tonne-Ensemble auf der Bühne nicht, wie man es vom Theater erwartet, körperlich agiert, sondern, an Mikrofonen stehend, mit seinen Stimmen diese überschaubare Welt erschafft, bringen einem die Schauspielerinnen und Schauspieler die Figuren wunderbar nahe. Roswitha John und Stefanie Klimkait verkörpern als Billys ältliche Tanten Kauzigkeit und Fürsorge. David Liske sieht man als »Schnapsnasen-Johnny« ein geradezu diebisches Vergnügen an, den Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern auch noch ihr letztes Geheimnis zu entlocken und die anderen mit Neuigkeiten zu versorgen, als Chronist und Manipulator. Daniel Irschik gelingt es als Babbybobby, Härte und Anteilnahme zu zeigen. Chrysi Taoussanis scheint als Ärztin die Einzige zu sein, die nichts darauf gibt, was die Leute sagen. Für sie zählen nicht Meinungen, sondern Fakten.

Bezaubernde Rotzigkeit

Und dann sind da noch die Jugendlichen Bartley und Helen, Bartleys Schwester. Er, gespielt von Elias Popp, schwärmt für alles, was nach Amerika klingt, ohne allzu viel darüber zu wissen. Helen, der Justine Rockstroh eine bezaubernde Rotzigkeit gibt, ist Billys heimlicher Schwarm, obwohl sie recht ruppig mit ihm umgeht. Als er wieder aus den USA zurück ist und die Sache mit seinen Eltern sich aufgeklärt hat, nimmt er allen Mut zusammen, sie zu fragen, ob sie mit ihm mal spazieren gehen würde. Warum ist er überhaupt zurückgekehrt? Weil er beschlossen hat, dass, wenn er schon verdammt ist, die Rolle des Krüppels zu spielen, er das genauso gut dort tun kann, wo die Menschen ihn kennen und letztlich zu ihm halten.

Kathrin Becker, die auch als Mammy, Johnnys Mutter, ans Mikrofon tritt, ist vor allem als Erzählerin dieses Live-Hörspiels oder Theater-Szenenreigens mit akustischem Bühnenbild großartig. Sie nimmt das Publikum mit treffenden Beschreibungen und ironischen Spitzen an die Hand.

Kissen statt Meer

Die Bilder setzen sich im Kopf der Zuschauerinnen und Zuschauer zusammen. Ganz wesentlich tragen dazu die von Michael Schneider, Chrysi Taoussanis und Elias Popp am Bühnenrand live erzeugten Geräusche bei. Wobei man immer auch die Diskrepanz zwischen dem, was man sieht, und dem, was man hört, überbrücken muss. Denn das Meeresrauschen etwa kommt von zwei Bürsten, mit denen über ein Kissen gestrichen wird, und das Quietschen von Billys Rollstuhl stammt in Wirklichkeit von einer Kaffeemühle. All das ist liebevoll gemacht, schafft in den Cottage-Szenen eine Behaglichkeit, bei der doch stets die Künstlichkeit der Mittel erkennbar bleibt. Michael Schneiders überwiegend auf der Geige gespielte Musik verlängert das atmosphärische Sounddesign. Sehnsucht und Heimatliebe klingen an, wenn das Ensemble an einer Stelle des Stücks mehrstimmig zu singen beginnt. (GEA)