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Ins Exil gezwungen: »Heute Abend: Lola Blau« im Theater Die Tonne

Chrysi Taoussanis glänzt im Theater Die Tonne in Georg Kreislers Stück »Heute Abend: Lola Blau«.

Chrysi Taoussanis (vorn) und Maciej Szyrner im Musical »Heute Abend: Lola Blau« von Georg Kreisler.
Chrysi Taoussanis (vorn) und Maciej Szyrner im Musical »Heute Abend: Lola Blau« von Georg Kreisler. Foto: Beate Armbruster
Chrysi Taoussanis (vorn) und Maciej Szyrner im Musical »Heute Abend: Lola Blau« von Georg Kreisler.
Foto: Beate Armbruster

REUTLINGEN. Die amerikanischen Konsulate in Europa würden überhäuft mit Aufnahmeanträgen österreichischer und deutscher Juden. Die Quoten für Deutschland und Österreich seien aber bereits ausgeschöpft, war am 4. Juli 1938 in der New York Times zu lesen. »Viele werden Monate oder Jahre warten müssen - wenn sie so lange leben.«

Georg Kreisler, der 1922 in Wien geborene Komponist und Chansonier, floh 1938 mit seinen Eltern in die USA - und überlebte. Er nahm 1943 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an, kehrte 1955 nach Europa zurück, wo er mit Wienerlied-Parodien (»Tauben vergiften im Park«, »Der Tod, das muss ein Wiener sein«) und schwarzem, tiefsinnigem Humor und Sprachwitz dem deutschsprachigen Kabarett seinen Stempel aufdrückte.

1971 in Wien uraufgeführt

Das Reutlinger Theater Die Tonne hat jetzt Kreislers 1971 im Wiener Theater in der Josefstadt uraufgeführtes Ein-Frau-Musical »Heute Abend: Lola Blau« im Tonnekeller herausgebracht. Mit einer beeindruckenden Chrysi Taoussanis in der Titelrolle und Maciej Szyrner als kongenialem Begleiter am Klavier.

Beeindruckend ist vor allem der Nuancenreichtum von Taoussanis' Spiel. Die Seelentiefe, die sie der jungen Bühnenkünstlerin Lola Blau gibt, die unfreiwillig zur Weltenbummlerin wird, weil sie in ihrem Heimatland der Nazi-Willkür ausgeliefert ist. Und im Nachbarland Schweiz von der Fremdenpolizei zur unerwünschten Person erklärt wird. Die Geschichte dieser fiktiven Figur, mit Kreislers Erfahrungen aus dem Exil erzählt, ist eine der Heimatlosigkeit und der Ohnmacht.

Knisternde Platte

Anfangs scheint Lola Blau all das nichts anhaben zu können. »Mir passiert schon nichts«, sagt die an Politik wenig Interessierte 1938, als Hitler Österreich annektiert hat. Sie ist voller Vorfreude auf ihr erstes Engagement, das sie in Linz ergattert hat. Dass ihre Vermieterin sie vorzeitig vor die Tür setzt und das Engagement flachfällt, weil sie Jüdin ist, gibt Lola Blau zu denken. Die Liedzeile »Ich bin doch ein Mensch und kein Geist«, die zu Beginn von Enrico Urbaneks Inszenierung auf einer knisternden Platte zu hören ist, klingt ihr und dem Publikum bald anders in den Ohren, als Leute auf der Straße die junge Künstlerin plötzlich wie Luft behandeln.

Sie selbst singt bald bittere, melancholische Lieder, zeigt sich angefasst. Die Empathie anderer als Kraftquelle fällt für sie weg, sie sieht sich in die Einsamkeit abdriften. Bis sich für sie die Chance auftut, in Amerika ihr Glück zu versuchen. Wo Lola Blau tatsächlich zum Showstar avanciert, ihr zunehmend aber der männliche Blick auf ihren Körper zu schaffen macht. Was sie bei Auftritten noch mit Würde erträgt, indem sie es ironisch bricht. Hinter der Bühne flüchtet sie sich in den Alkohol. Sie bleibt in Amerika eine Entwurzelte. Und freut sich darauf, in Wien Leo, den sie einst geliebt hat und der die Schrecken des Konzentrationslagers überlebt hat, wiederzusehen. Doch die Begegnung mit der alten Heimat fällt ernüchternd aus. Der Judenhass hat überlebt, genau wie die Gleichgültigkeit.

Maciej Szyrner in wechselnden Rollen

Kreisler hält in seinen virtuos witzigen, dünnhäutigen, ironischen, zweifelnden, brutalen Szenen und Liedern der Nachkriegsgesellschaft den Spiegel vor. Unter anderem Robert Atzlinger, Nikita Nagel (Dramaturgin der Produktion), Michel op den Platz, Thomas Lambeck, Aaron Smith, David Liske, Michael Schneider und Magnus Cunow haben stimmlich kleine Rollen übernommen, die das Ganze bisweilen zu einem Hörspiel weiten. Haupt(an)spielpartner für Chrysi Taoussanis bleiben aber das Publikum und Maciej Szyrner, der in wechselnde kleinere Rollen schlüpft.

Sibylle Schulzes Kostüme und die Videoprojektionen des Medienkünstlerduos Casa Magica (Sabine Weißinger und Friedrich Förster) geben dem Abend zeitgenössisches Flair und Dynamik, wobei sie auch auf schwindende Gewissheiten und Brüche hinweisen. Chrysi Taoussanis' Gesang ist ergreifend. Hinter der selbstbewussten Diseuse, die sich aufs Tanzen versteht (Choreografie: Mia Cabraja), bleibt stets der von Sehnsüchten und Verletzungen geprägte Mensch sichtbar. (GEA)