METZ. Hélène Laurain aus Metz ist mit ihrem Roman »Bis alles brennt« Finalistin im Prix Première, dem in Tübingen mitgegründeten Preis, der Autoren würdigt, die zum ersten Mal aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt werden. Übersetzerin ist Isabel Kupski. Genau wie ihre Finalkonkurrentin Delphine Minoui in »Badjens« setzt Laurain ein mit dem verzweifelten Akt des Aufbegehrens einer jungen Frau. Laetitia ist 31, hat an einer renommierten Wirtschaftsschule studiert, jobbt jedoch in einer Freizeit-Schneehalle im Osten Frankreichs. Denn Laetitia hält den Klimawandel für unabwendbar, den Ökokollaps für programmiert. Mit ihren Freunden zettelt sie spektakuläre Protestaktionen an, erst recht, als in der Gegend Atommüll gelagert werden soll.
Aus der Ich-Perspektive heraus porträtiert Laurain eine Generation, die ihre Zukunft davonschwimmen sieht und sich deshalb in verzweifelten Aktivismus wirft. Das Gefühl, mitten in der Apokalypse zu stehen, spiegelt Laurain dabei eindrucksvoll in ihrer Erzählweise. Laetitias Erleben entfaltet sie als Folge assoziativer Einzelzeilen, die sich ohne Satzzeichen folgen wie ein frei rhythmisiertes, reimloses Prosagedicht.
Im gefühlten Ausnahmezustand
Diese Assoziationsketten machen das Leben im gefühlten Ausnahmezustand spürbar. Zumal sich der Text nicht chronologisch entrollt, sondern wild in den Zeitschichten hin- und herspringt. Mal findet man sich Monate vor der initial geschilderten Protestaktion wieder, dann Wochen danach.
Das assoziative Netz der Szenen vermittelt zudem die soziale und biografische Zerrissenheit einer Generation in der gefühlten Apokalypse. Laetitias Verhältnis zu ihrer Familie ist gespannt, ihre Berufsbiografie abgerissen. Andererseits zeigt Laurain auch, wie sich unter den Öko-Aktivisten Solidarität entwickelt, Gemeinschaft entsteht, ein eigenes Sozialmilieu Formen gewinnt.
Radikaler Erzählansatz
Unter den drei Finalisten des Prix Première ist »Bis alles brennt« der Beitrag mit dem experimentellsten Erzählansatz. Das Gefühl, die ökologischen Lebensgrundlagen zu verlieren, spiegelt sich hier im Verlust einer geordneten Erzählstruktur. Was den Leser das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, nacherleben lässt. Das Buch ist damit ein Gegenentwurf zum Mitfinalisten Gaspard Koenig, der in »Humus« das Ringen um die ökologische Zukunft mit einer ganz traditionellen Erzählweise angeht. Wer von den drei Finalisten den Preis bekommt, bestimmen bis 20. Februar die Leser per Online-Vote. (GEA)


