SCHIRAS. Gleich zwei Kandidaten im Finale des Prix Première setzen mit dem Rebellionsakt einer jungen Frau ein. In »Badjens« von Delphine Minoui ist es die 16-jährige Zahra, die während der Demonstrationen gegen das Mullah-Regime 2022 im Iran auf eine Mülltonne steigt, um vor den Augen der jubelnden Menge ihr Kopftuch zu verbrennen. Der in Tübingen mitgegründete Preis würdigt Autoren, die zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurden. Übersetzerin in diesem Fall war Astrid Bührle-Gallet.
Delphine Minoui, die für die französische Zeitung Le Figaro über die Verhältnisse im Iran berichtet, zieht den Leser packend hinein in das Erleben der Teenagerin, die zerrissen ist zwischen zwei Welten: hier die Freiheiten des Westens mit seinen Kinofilmen, seiner Popmusik, seinem Versprechen eines selbstbestimmten Lebens auch für Frauen; dort die Realität im Iran, wo Frauen rigide reglementiert werden, bis hin zu drakonischen Kleidungsvorschriften.
Kopftuch als Symbol des Zwangs
Mitgerissen vom Taumel des Aufbegehrens zieht vor dem inneren Auge Zahras ihr Leben vorüber. Angefangen mit ihrer Geburt, einer schweren Enttäuschung für ihren Vater wie Großvater, die einen Jungen erhofften. Über das Aufwachsen unter der Fuchtel des konservativ-regimetreuen Vaters, der ihren jüngeren Bruder bevorzugt. Bis hin zur Schule und dem schmerzlichen Moment, als die Lehrerin den Schülerinnen Kopftücher austeilt, die sie nun zwangsweise zu tragen haben. Voll aufgewühlter Emotionen ziehen die Szenen vorüber: der Missbrauch durch einen Vetter, den sie bis dahin wie einen älteren Bruder verehrte; die Festnahme durch die Sittenpolizei in Teheran, als ein Windstoß ihr das Tuch vom Kopf bläst; aber auch das verschwörerische Picknick mit den Freundinnen, bei dem die verhassten Kopftücher schnell im Gras landen.
Kleine Rebellionen sind das, genau wie das Hören westlicher Popmusik im Zimmer. Ein Lichtblick auch die vertraute Beziehung zur Mutter, die Zahra zärtlich nur »Badjens« nennt, was im Alltagspersischen liebevoll »kleine Rebellin« heißen kann. In einem mitreißend subjektiven, oft atemlosen Duktus entfaltet sich das Erleben der jungen Frau, die gezwungen ist, ihr Dasein in eine private Identität und eine linientreue Fassade aufzuspalten – bis der innere Druck nicht mehr zu bändigen ist. So macht der kompakte Text unmittelbar spürbar, wie sich die Macht der Diktatur bis in die Familie hinein auswirkt. Den Sieger unter den drei Finalisten bestimmen die Leser bis 20. Februar per Online-Vote. (GEA)

