WANNWEIL. »Es ist ein Ausstellungsprojekt, das den Mut hat, Kunstschaffende mit und ohne Handicap zusammenzubringen, sich mutig über alle Vorurteile und Bedenken hinwegsetzt und sich mit der Kunst auf die Suche nach dem Gemeinsamen begibt«, sagte Kunstwissenschaftler Dr. Tobias Wall in seiner Einführungsrede. Hunderte hatten sich bei der Vernissage zur Ausstellung »Heimat.Land.Kreis« des Landkreises Reutlingen im Batteur-Gebäude der Alten Spinnerei in Wannweil eingefunden. Für die musikalische Begleitung sorgte das Campingorchester mit Wolfram Karrer am Akkordeon und Michael Stoll am Kontrabass.
In seiner Begrüßung hatte Landrat Thomas Reumann betont, die Ausstellung sei auch ein Zeichen gegen jede Form von Rassismus, Extremismus und Antisemitismus. Die Qualität einer Gesellschaft erkenne man daran, wie sie mit ihren Minderheiten umgehe. »Gelebte Inklusion bereichert eine Gesellschaft«, so Reumann. Der Landrat dankte den vielen Helfern und der Holy-AG für das Gebäude. Insbesondere dankte Reumann Susanne Blum für die Idee, die Kulturkonzeption des Landkreises mit der Inklusionskonferenz zu verbinden.
80 Objekte ausgewählt
123 Werke von 71 Künstlern waren eingereicht worden, 80 Objekte von 53 Kunstschaffenden wurden für die Präsentation ausgesucht. Die Werke sind dabei so vielfältig wie die Künstlerpersönlichkeiten selbst. Acrylmalerei, Tuschezeichnung und Aquarell sind ebenso zu finden wie Arbeiten aus Ton, Metall und Glas oder Installationen.
Landschaften, Gebäude oder Orte werden dargestellt. So zeigt Sonja Brand (Gammertingen) mit Faserstiften und Kreide, wie der Klosterhof Mariaberg 1970 aussah. Helga Kraus (Münsingen) hielt ihre Kindheitserinnerungen im Hallenbad fest. Renate Mayer (Eningen) malte in einem Aquarell den Rosengarten der Pomologie. Birgit Sonnhof (Reutlingen) setzte das Gartentor in Szene. Rosi Alt (Münsingen) zeigt Socken und Kittelschürzen aus dem Dorfladen, Michael Märkle (Reutlingen) knallbunte Szenen der Reutlinger Altstadt.
Auch gestatten die Künstler mit ihren Arbeiten einen Blick in die Art, wie sie ihre Heimat reflektieren. Als »Andachtsbild« bezeichnete Wall die mystische »Albdämmerung« von Rose Tietze, während Ute Kroll mit wenigen Tuschestrichen unter dem Titel »In die Seele geschrieben« das für sie Wesentliche der Landschaft um Reutlingen herausgearbeitet hat.
Klaus Rexin zeigt in leuchtender, fröhlicher Farbigkeit seine Wahlheimat Buttenhausen. Izumi Yanagiya stellte einen Vulkanausbruch in ihrer japanischen Heimat mit Tusche und Stickerei dar. Barbara Wünsche-Kehle (Reutlingen) verband in ihrer Installation »Steinlese« die Kargheit der Schwäbischen Alb mit der Philosophie »Nicht müde werden, einfach weitermachen. Stein für Stein wegräumen.« Beate Hoelscher und Lisa Voss schafften es, Vogelstimmen und Lieder von Friedrich Silcher in Grafik umzusetzen.
Suche nach Identität
»Heimat«, so Wall, sei auch Identität. »Ein ewiges Suchen, ein ewiges Fragen.« Christina Liadeli schien sich mit ihren beiden Bildern »Sie sind aber nicht deutsch« regelrecht Luft gemacht zu haben. Sie sei hier geboren, aufgewachsen, lebe und arbeite in Deutschland. Und doch habe der »Verdacht«, sie sei »nicht deutsch« dazu geführt, dass sie sich hier dennoch nicht zu Hause fühle. Auch Jutta Peikert fragt in ihrer Keramik »Heimatsuche: Wer bin ich?«
»Trotz aller Unterschiede werden die Gemeinsamkeiten aber viel deutlicher«, sagte Wall. »Die Neugier, die Offenheit, die Kreativität und die leidenschaftliche Hingabe an den Schaffensprozess.« Schöner, sichtbarer und anregender als in der Ausstellung könne der »Gedanke der Inklusion, die Idee der gemeinsamen Welterfahrung und Weltgestaltung nicht umgesetzt werden«. (GEA)
AUSSTELLUNGSINFO
Die Ausstellung »Heimat.Land.Kreis« zum inklusiven Kunstwettbewerb des Landkreises ist bis 17. November im Batteur-Gebäude der Alten Spinnerei in Wannweil zu sehen. Geöffnet ist Freitag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr. (GEA)

