RAVENSBRÜCK/LEIPZIG. April 1945, die Armeen der Sowjetunion und der westlichen Alliierten dringen auf deutsches Territorium vor. In seinem Bunker in Berlin gibt Adolf Hitler einen verhängnisvollen Befehl: Die Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager sollen geräumt, die Insassen als Mitwisser der unfassbaren Verbrechen der Nazis beseitigt werden. Mangels anderer Tötungsmethoden ist der Plan, sie auf Todesmärschen aufzureiben. Wer nicht Schritt hält im von Hunden gehetzten Pulk, wird erschossen.
Neun jungen Französinnen gelingt die Flucht aus einem solchen Todesmarsch. In einem unbeobachteten Moment, als die Aufmerksamkeit der SS-Wachen nach tagelangen Märschen und Beschuss durch die Alliierten nachlässt, lassen sie sich in den Graben am Wegesrand fallen. Mimen dort eine Ansammlung von Leichen, wie sie den Weg dieses Marsches säumen. Die List gelingt, doch nun sitzen die neun, allesamt Aktivistinnen der französischen Résistance, im sächsischen Hinterland fest.
Tagelang durch Feindesland
Tagelang schlagen sie sich nach Westen durch in Richtung Colditz, das von den Amerikanern eingenommen sein soll: neun Frauen, von denen eine Diphtherie hat, eine Tuberkulose, eine dritte Verletzungen an der Wirbelsäule, eine vierte eine kaum überstandene Lungenentzündung. Tagelang versuchen sie, SS-Trupps aus dem Weg zu gehen, von fanatischen Einheimischen nicht erschossen zu werden, von anderen Essen und Unterschlupf zu bekommen. Sie erleben Hass, Hilfsbereitschaft, jugoslawische Kriegsgefangene, die ihnen Essen und Kleider zuschanzen, ein deutsches Bauernpaar, das von ihren Berichten aus dem KZ entsetzt ist, einen Dorfbürgermeister, der sie vor einer Polizeirazzia warnt. Um die Amerikaner zu erreichen, müssen sie schließlich den Fluss Mulde überqueren, der Hochwasser führt und dessen einzige Brücke gesprengt ist.
Die Amerikanerin Gwen Strauss hat aus der Geschichte der neun ein Buch gemacht. Eine von ihnen, Hélène Podliasky, war ihre Großtante. Ein Gespräch mit ihr, in dem sich diese zum ersten Mal nach Jahrzehnten öffnete, war für Strauss der Anstoß. Sie las Aufzeichnungen weiterer Mitglieder der Gruppe: einen Artikel, den Nicole Clarence als Journalistin für die Zeitschrift »Elle« verfasste; ein Buch, das Suzanne Maudet über die Flucht schrieb. Strauss sprach mit Kindern und Enkeln der neun, traf sich mit zwei niederländischen Filmemachern, die eine Doku über die Frauen drehten.
Jugendliche als Übersetzer
Fast genauso erstaunlich wie die Fluchtgeschichte selbst ist, wie die deusche Ausgabe des Buchs zustande kam. Eine Gruppe der Evangelischen Jungen Gemeinde Wurzen hatte sich die Aufarbeitung der Naziverbrechen in Sachsen auf die Fahnen geschrieben und war auf Strauss' Buch gestoßen. In Absprache mit der Autorin und betreut von zwei professionellen Übersetzerinnen teilten die 15 Jugendlichen die Kapitel unter sich auf unter übersetzten sie ins Deutsche.
Das Ergebnis ist sprachlich überaus gelungen. Klar, anschaulich und mitfühlend führt der Text den Leser durch Momente des Grauens wie der Freundschaft. Die Geschichte der Flucht zieht sich dabei als roter Faden durch. Kapitel für Kapitel wird er unterbrochen durch einen Rückblick auf das Leben je einer der neun Frauen. Wie ist sie aufgewachsen? Wie kam sie zur Résistance? Wie geriet sie in die Hände der Nazis? Was widerfuhr ihr dort? Einige überlebten Waterboarding, eine brachte im Gefängnis ein Kind zur Welt.
Mehr als ein Fluchtabenteuer
Zudem erzählt der Text, wie die Autorin zu ihren Informationen kam. Was ebenfalls fast einem Krimi glich. Das alles verwebt Strauss zu einem Ganzen. Wer die Flucht als Abenteuergeschichte lesen möchte, wird sich daran stören, dass die Rückblicke den Bericht unterbrechen. Aber dadurch erzählt das Buch so viel mehr als nur eine Kriegsepisode.
So beleuchtet es das System der Résistance, jener Widerstandskreise in Frankreich, die sich mit Sabotage und Unterstützung der Alliierten gegen die deutsche Besatzung stemmten. Es beleuchtet die Folterzentren, mit denen die Nazis versuchten, diesen Widerstand zu brechen. Und es zeichnet ein detailgenaues Bild vom Alltag im Frauen-KZ Ravensbrück nördlich Berlin, wohin die neun Frauen nach ihrer Folter-Tortur gebracht wurden.
Hierarchien im Lager
Deutlich werden die Hierarchien zwischen den Gefangenengruppen; die Rolle privilegierter Häftlinge als Aufseher; die Rivalitäten und Bündnisse zwischen Insassen verschiedener Nationen; die Verachtung, die Sinti und Roma, aber auch lesbischen Inhaftierten entgegenschlug; die Rolle der im Lagerjargon »Kaninchen« genannten Frauen, an denen bestialische »medizinische« Experimente durchgeführt wurden. Frauen, die, wenn sie überlebten, oft von den anderen im Lager geschützt wurden – als lebende Beweise für die Verbrechen der Nazis.

Greifbar wird auch der Alltag als Zwangsarbeiterinnen der HASAG-Werke Leipzig, wohin die Frauen von Ravensbrück aus verschleppt wurden, um Granathülsen zu fertigen. Klar wird schließlich, dass zu überleben das eine war – zu Hause weiterzuleben unter Menschen, für die das Erlebte unvorstellbar war, das andere. Sodass die Rückkehrerinnen das Erduldete meist in sich einschlossen – mit all den psychischen Folgen für die nächste Generation.
So ergibt sich das zutiefst bewegende Bild von neun Frauen, die nicht nur die Hölle der Nazi-Mordmaschine überlebten, sondern auch das Leben als Überlebende meisterten. Und denen bis zum Schluss eines blieb: das enge Band untereinander, das ihre Flucht erst möglich machte. (GEA)



