STUTTGART. Wortgewaltig, nachdenklich, ehrlich, herzlich – so hat sich Patti Smith auch am Mittwoch wieder dem Stuttgarter Publikum auf der Freilichtbühne gezeigt. Das letzte Mal war sie – nach einer coronabedingten Verschiebung – als 75-Jährige da. Das ist drei Jahre her.
Geändert hat sich nicht viel: Ihr Sohn Jackson Smith steht als Gitarrist nun auf der Bühne rechts. Die Freiluftarena ist an diesem brütend heißen Sommerabend mit 3.000 Fans übersichtlicher bevölkert als 2022. Die Bandchefin trägt das schulterlange weiß-graue Haar wieder offen, doch über dem weißen T-Shirt diesmal nur ein leichtes anthrazitfarbenes Hemd. Dafür war sie extra shoppen, erzählt sie, eine seltene Tätigkeit, doch für diese Tour sollte es sein. Seitdem hat sie es gerade mal sieben Minuten getragen. Bei aller Kritik am aktuellen US-Regime und unverhohlener Sorge um den Zustand unserer Erde: Die Frau hat sich ihren Humor bewahrt. Sie groovt ausgelassen und ist nach wie vor erstaunlich gut bei Stimme.
Musikerin, Mahnerin, Mensch
Wer ist Patti Smith? »Punk-Ikone, Musikerin, Künstlerin, Schriftstellerin« steht auf einem ihrer Bücher. Über die Reihenfolge kann man debattieren, über ihre Relevanz nicht. Am Mittwoch, dem zweiten Termin ihrer Deutschlandtour, ist sie allem voran Mensch. Dann Alternative-Rock-Singer-Songwriterin. Poetin, Mahnerin und Gitarristin.
Souverän führt sie ihr Patti Smith Quartet – Co-Songwriter Tony Shanahan am Bass und Keyboard, Seb Rochford am Schlagzeug und das musikalische Faktotum Oisin Murray – durchs rund 100-minütige Konzert. Von »Redondo Beach« und »Ghost Dance« zum zeitlosen Ohrwurm »Because The Night« (ursprünglich aufgenommen mit Bruce Springsteen) und dem diesmal noch etwas unwahrscheinlicher wirkenden »People Have The Power« ganz zum Schluss. Wieder genehmigt sie sich mittendrin frappierend offen – »weil ich nicht gern lüge« und »weil das die Natur ist und ich die Natur liebe!« – eine Pinkelpause, während der sie sich angeblich verläuft. »Unterwegs stand da diese Schüssel mit Schokoriegeln – wie viele Stunden war ich weg?«
Verneigung vor Weggefährten
50 Jahre nach ihrer Debüt-LP »Horses« würdigt Patti Smith auch Freunde und Weggefährten: Bob Dylan mit einem dramatisch inszenierten Cover von »Man In The Long Black Coat«, Debbie Harry, die gerade 80 geworden ist, Sly Stone, ihren früh verstorbenen Mann Fred »Sonic« Smith von MC5, den Dalai Lama. Und die Menschenrechts-Aktivistin Rachel Corrie, die 2003 von einem israelischen Panzer in Gaza überrollt wurde. Versuche im Publikum, sie zur Reaktion auf die aktuelle Nahost-Politik zu bewegen, verweigert sie salomonisch mit »free everybody, free every soul!«

Selbst für ihre gelegentliche Vergesslichkeit lieben sie die Fans. Schließlich bedeute »jeder meiner Fuck-ups, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen«, erklärt Patti Smith strahlend. Hebt die Arme zur Universalumarmung, tänzelt, lächelt, schließt die Augen. Und zeigt, dass sie ganz da ist. Etwa als sie auf den Aufenthalt zweier französischer Dichter-Ikonen-Kollegen vor 150 Jahren in Stuttgart verweist: Arthur Rimbaud und Paul Verlaine beendeten hier ihre »amour fou«. Wortgewaltig waren auch sie, aber bestimmt nicht so nahbar. (GEA)


