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Groove der Reisenden: Sinu und Jakob Longfield im Reutlinger franz.K

Popmusik vereint: Jakob Longfield aus Tübingen kehrte im franz.K zurück in die 1970er-Jahre, Sinu aus Köln verband den Pop der Gegenwart mit der Musik der Heimat seines Vaters.

Musik aus dem türkischen Saarland: Sinu
Musik aus dem türkischen Saarland: Sinu Foto: Thomas Morawitzky
Musik aus dem türkischen Saarland: Sinu
Foto: Thomas Morawitzky

REUTLINGEN. Beide überraschen sie am Donnerstagabend im franz.K: Sinu, das deutsch-türkische Pop-Projekt aus Köln und Istanbul, und Jakob Longfield, der Tübinger Indie-Pop-Multiinstrumentalist mit der Vorliebe für lockere Vibes aus der Vergangenheit. Der Abend im gut befüllten Foyer des Clubs lebt von Gegensätzen, Gemeinsamkeiten, erstaunlichen Qualitäten.

Jakob Longfield, eigentlich Jakob Pfeiffer und aus Gärtringen bei Böblingen, spielt eine ätherische Popmusik, die sich aus nichts als Gitarre, Piano, elektronischen Effekten und Rhythmen aufbaut. Begleitet wird er auf der Bühne von Finn, Prince of Wales alias Moritz Finn Kleffmann, der instrumental ebenso findig ist, Jakob Longfields Album produziert hat und eine E-Gitarre spielt, die locker, groovig, mit klarem Ton einer entspannten Fusion-Musik der späten 1970er entsprungen scheint.

Auf Türkisch und Deutsch

Beide werden später eine Cover-Version spielen, die einen Einfluss preisgibt: »September« von Earth, Wind and Fire. Gewiss hört man hier auch Songwriter der jüngeren Generation mit – die Melodien, Harmonien, die euphorische Offenheit der Musik tritt aber mit viel Retro-Feeling auf. Und die beiden Musiker haben offenkundig den größten Spaß daran. Longfield verkündet, er beabsichtige künftig, deutsche Songs zu schreiben, stellt zwei Beispiele vor. Das Duo wird wiederkehren, unter anderem Namen.

Sinan Köylü, als Sänger und Songwriter Sinu, beginnt sein Konzert mit Gesang, ätherisch, mit der akustischen Gitarre – das klingt sehnsüchtig, weit, fremd und ein wenig leidend. Es wandelt sich aber gleich in sehr zugängliche Popmusik mit lockerem Rhythmus, über den Sinu seine Melodien, Texte, seine Stimme legt. Er singt vom Unterwegssein, auch zu sich selbst. Leichtigkeit und Melodie stehen auch bei ihm an erster Stelle.

Leise und tänzerische Momente

Es gibt sehr leise Momente in seiner Musik, in denen nur die akustische Gitarre und der fremdartige Sound des Keyboards miteinander sprechen. Es gibt flotte tänzerische Strecken, getragen von diskret mediterranem Rhythmusspiel. Sinus Vater stammt aus der türkischen Provinz Sivas, seine Mutter aus dem Saarland. Der Sohn singt in beiden Sprachen, scherzt gerne, wird aber auch ernst. Dann spricht er davon, dass niemand den Weg der Grausamkeit gehen solle, in einer Gesellschaft, die durchaus auch auf Grausamkeit beruhe. Er legt sich ein Palästinensertuch um und weckt ein traditionelles Gesangstück seiner Heimat auf, bei dem seine Stimme vor dem dunklen Klang eines Synthesizers dunkel und kraftvoll leuchtet. (GEA)