Logo
Aktuell Festival

Grenzen übergreifend: Jazzclub Tübingen feiert 40 Jahre mit Landesjazzfestival

»Beyond Borders« hat der Jazzclub Tübingen über das Landesjazzfestival geschrieben, mit dem er vom 8. bis 20. Mai sein 40-jähriges Bestehen feiert. Grenzen werden im Laufe des Programms viele gesprengt.

Volle Bläserpower: Die Gruppe Belinda Bones gibt beim Festival im Brauwerk Freistil Gas.
Volle Bläserpower: Die Gruppe Belinda Bones gibt beim Festival im Brauwerk Freistil Gas. Foto: Victor Hege
Volle Bläserpower: Die Gruppe Belinda Bones gibt beim Festival im Brauwerk Freistil Gas.
Foto: Victor Hege

TÜBINGEN. 40 Jahre alt wird der Jazzclub Tübingen. Das muss gefeiert werden. Dafür hat der Club unter seinem Vorsitzenden Martin Trostel das Landesjazzfestival an Land gezogen. Und sich dafür ein zeitgemäßes Motto ausgedacht: »Beyond Borders« - über Grenzen hinweg. Werden doch gar zu oft Grenzen gezogen, wird sich abgegrenzt, politisch, kulturell, weltanschaulich. Mit dem Festival vom 8. bis 20. Mai will der Jazzclub ermuntern, sich auf Neues, Anderes einzulassen. Musik als Medium der Verständigung in einer Zeit sich zuspitzender Konflikte.

Wie vielfältig ist das Spektrum?

Beim Festival werden politische und stilistische Grenzen gesprengt. Musiker aus Deutschland treffen auf solche aus Israel, Frankreich, Schweden, der Ukraine oder den USA. Jazz trifft auf Rock, Hip-Hop oder nahöstliche Harmonien. Die Stuttgarter Pianistin Gee Hye Lee taucht mit Sängerin Song Yi Jeon in die koreanische Kultur ein. Der Allgäuer Trompeter Matthias Schriefl verbindet mit der ukrainischen Vokalistin Tamara Lukasheva Jazz und slawisches Liedgut. Patrick Bebelaar bringt indische Kollegen mit. Magro und Band präsentieren handgemachten Hip-Hop, Cats & Breakkies live produzierte Dancebeats. Und die Belinda Bones schaffen mit vier Posaunen, Sousafon und zwei Drumsets eine eigene Klangwelt.

Was sind die prominentesten Acts?

Zu den prominentesten Acts gehört das israelische Trio Shalosh zum Auftakt im Sudhaus. Die Gruppe habe man im Jazzclub gehabt, als sie noch unbekannt war, sagt Jazzclub-Chef Martin Trostel, seither sei sie mehrfach da gewesen - in immer größeren Sälen. »Die machen keinen Unterschied zwischen jüdischen und arabischen Stilistiken«, versichert Trostel. »Und ich kann sagen, dass sie nicht einverstanden sind mit Netanjahu.« Zu den Promis gehört zudem der Schwede Lars Danielsson, der mit seiner Gruppe Liberetto ins Sparkassen-Carré kommt. Und Mare Nostrum, die am 18. Mai im Sudhaus auftreten. Bei ihnen trifft ein sardischer Trompeter (Paolo Fresu) auf einen französischen Akkordeonisten (Richard Galliano) und einen schwedischen Pianisten (Jan Lundgren).

Das Trio Shalosh verbindet zum Auftakt Jazz, Rock und nahöstliche Klänge.
Das Trio Shalosh verbindet zum Auftakt Jazz, Rock und nahöstliche Klänge. Foto: Zohar Ron
Das Trio Shalosh verbindet zum Auftakt Jazz, Rock und nahöstliche Klänge.
Foto: Zohar Ron

Wie sieht es mit Frauenpräsenz aus?

Man habe sich keine Quote auferlegt, aber dennoch Mühe gegeben, viele Frauen im Programm zu haben, betont Trostel. Immerhin acht der 19 Konzerte werden von einer Bandleaderin geleitet. Dazu gehört Schlagzeugerin Mareike Wiening mit Quintett in der Westspitze. Dazu gehört Yuliia Vydovska mit ihrem FUZ4tet und einer Verbindung von Jazz und ukrainischen Liedern. Linda Kyei lädt mit ihrer Combo im Japengo ein, zu Swing das Tanzbein zu schwingen. Pianistin Anke Helfrich ist mit ihrem Trio im Bechstein-Centrum. Das Finale gestaltet Sängerin Fola Dada mit Trompeter Joo Kraus.

Linda Kyei steuert ein Swing-Programm zum Landesjazzfestival bei.
Linda Kyei steuert ein Swing-Programm zum Landesjazzfestival bei. Foto: PR
Linda Kyei steuert ein Swing-Programm zum Landesjazzfestival bei.
Foto: PR

Was bietet das Rahmenprogramm?

Festivalzentrum soll das Brauwerk Freistil sein, wo man eine Jazzlounge einrichtet. Die wird während der Festivalzeit von Donnerstag bis Samstag von jungen Bands der Musikhochschulen Stuttgart und Den Haag beschallt. Der SWR bietet vier Talkrunden zum Festivalmotto »Beyond Borders«, also um Musik zwischen Kriegserfahrung und Völkerverständigung. Beteiligt sind Shalosh, Tamara Lukasheva und Matthias Schriefl, Patrick Bebelaar sowie Gee Hye Lee und Song Yi Jeon. Das Kino Atelier zeigt die Jazzfilme »Jazzfieber - The Story of German Jazz« und »Ellis« über den Jazzpianisten Ellis Marsalis. Außerdem gibt es eine Foto-Ausstellung mit Jazzporträts von Rainer Ortag in der Kulturhalle.

Hat das Festival eine politische Ansage?

In den Konzerten geht es um Musik, nicht um Politik, betont Trostel. Angesichts einer Weltlage voller Abgrenzungstendenzen ist jedoch bereits das Mischen von Nationalitäten, Kulturen und Stilen eine Ansage. Die israelische Auftakt-Gruppe Shalosh habe man bereits vor den Hamas-Massakern des 7. Oktober und dem folgenden Gaza-Krieg eingeladen - ihr versöhnender Ansatz ist Programm. Mehrere Konzerte mit Künstlerinnen aus der Ukraine setzen ein Zeichen der Solidarität mit dem von Russland angegriffenen Land.

Die Ukraine ist unter anderem mit Tamara Lukasheva vertreten, die mit Matthias Schriefl auftritt.
Die Ukraine ist unter anderem mit Tamara Lukasheva vertreten, die mit Matthias Schriefl auftritt. Foto: Susanne Heraucourt
Die Ukraine ist unter anderem mit Tamara Lukasheva vertreten, die mit Matthias Schriefl auftritt.
Foto: Susanne Heraucourt

Wer ist Schirmherr, wer fördert?

Schirmherr ist das Wissenschafts- und Kunstministerium des Landes. Das Land hat das Festival 1987 ins Leben gerufen, seither wandert es von Stadt zu Stadt. Das Land macht Vorgaben: Es soll ein regionaler Aspekt dabei sein, Musiker aus dem Land, aber auch darüber hinaus sollen spielen, das Festival soll über die Region hinauswirken. »Das sind alles Dinge, auf die wir sowieso Wert gelegt hätten«, betont Trostel. Die Kosten teilen sich grob zu gleichen Teilen Land, Stadt und Sponsoren, wobei die Kreissparkasse Tübingen als Hauptsponsor auftritt. Das Gesamtbudget schätzt Trostel auf rund 120.000 Euro - je nachdem wie viele Karten verkauft werden. 19 Konzerte lassen sich damit nur deshalb finanzieren, weil der Jazzclub viel ehrenamtliche Arbeit reinsteckt.

Wie geht's dem Jazzclub im 40. Jahr?

Laut Trostel geht es dem Tübinger Jazzclub gut im 40. Jahr. Die Mitgliederzahlen seien zuletzt gestiegen und lägen nun bei etwas über 200. Wie bei vielen Kultureinrichtungen sei der Altersschnitt hoch. Man sei dank ehrenamtlichem Engagement solide finanziert. »Ein Mehr an Förderung könnten wir eins zu eins an die Musiker weitergeben«, sagt Trostel. Mit den Konzerträumen - vor allem der Club Voltaire, daneben das Bechstein-Centrum und das SWR-Studio - sei man sehr zufrieden. Insgesamt komme man auf rund 50 Veranstaltungen im Jahr, darunter 30 bis 35 Konzerte und 10 bis 15 Sessions. Ein besonderes Augenmerk gilt - wie bei den Reutlinger Kollegen - der Förderung junger Musiker. In der Reihe »Meet the Students« spielen junge Studierende eine Konzerthälfte, die zweite Hälfte ist als Session angelegt. Im Herbst will der Jazzclub sein 40-Jähriges mit einer Konzertserie feiern, die Cracks aus den eigenen Reihen in den Fokus rückt. (GEA)